Mittwoch, 28. Juni 2017

Moses der Wächter



Irgendwo in Afrika, in der scheinbar endlosen Savanne, lebte vor vielen Jahren ein Farmer. Er war einer jener Menschen, die das Elend des Krieges und der Armut aus ihrer alten Heimat in Europa vertrieben hatten. Hier, unter der unbarmherzigen Sonne des Äquators, hatte er sein Glück und eine neue Heimat gefunden. Insofern war er nichts Besonderes, sondern einfach nur einer von vielen. Doch anders als die meisten, die diesen Lebensweg beschritten hatten, unterdrückte er die Alteingesessenen, die so genannten Eingeborenen, des Landes nicht. Ja, viele von ihnen arbeiteten auf seiner Farm, doch taten sie es für einen gerechten Lohn und darum ehrten sie ihn als guten Menschen. Sie tun das auch heute noch, viele Jahre nachdem er diese Welt und sein geliebtes Afrika für immer verlassen hat. Einer der alten Männer, der in seiner Jugend auf der Farm gearbeitet hatte, hat mir die folgende Geschichte erzählt. 


Eines Tages, irgendwann Ende der 1930er Jahre, ritt der Farmer auf seinem Pferd durch das Buschland. Er suchte nach einer Kuh, die aus dem Gatter entkommen war. Er fand sie jedoch nicht, sondern entdeckte ein tiefes Loch, das ihm bisher noch nie aufgefallen war. Es schien als habe hier eine Laune der Natur einen unterirdischen Hohlraum entstehen lassen dessen Decke dann eingestürzt war. Dichtes Gestrüpp bedeckte den Boden rund um die natürliche Fallgrube und man konnte sie leicht übersehen. Vorsichtig spähte er über den Rand des Loches und bemerkte, dass ein toter Elefant darin lag. Offenbar war das mächtige Tier dem Rand zu nahe gekommen und abgestürzt, jetzt lag es unten und würde wohl ein Raub der Aasfresser werden. Als er wieder auf sein Pferd stieg um weiter nach dem entlaufenen Rind zu suchen, hörte er ein durchdringendes Geräusch. Es erinnerte an eine schlecht gespielte Trompete, ein schriller, durchdringender und lauter Ton. Reflexartig nahm er das Gewehr vom Sattelknopf und sah sich um. Doch es drohte keine Gefahr und er ließ die Waffe sinken. Der Urheber des Trompetentons war, wie er sofort vermutet hatte, ein zweiter Elefant. Doch es war ein kleines, wohl erst wenige Tage altes Jungtier. Verwirrt trottete der Kleine umher. Er hatte wohl noch nicht begriffen, dass seine Mutter ihn nicht mehr hören konnte. Es war dem Farmer sofort klar, dass der abgestürzte Elefant das Muttertier sein musste. Die beiden waren wohl von ihrer Herde getrennt worden, weshalb das Junge nun einsam über die Savanne irrte. Einem Impuls folgend stieg der Farmer vom Pferd und band das Tier an einen Busch. Dann nahm er das Seil, das er hinten auf dem Sattel festgeschnallt hatte, und ging langsam auf den Jungelefanten zu. Der kleine Elefant hatte noch nie einen Menschen gesehen, wusste also nichts mit dem seltsamen, zweibeinigen Wesen anzufangen, das da auf ihn zugelaufen kam. Er blieb stehen und sah den Farmer neugierig an. Ohne Scheu ließ er diesen auf wenige Schritte an sich heran, erst als er die Schlinge des Seils um seinen Hals spürte wollte er weglaufen, doch der Mann hinderte ihn daran. Mit vorsichtigem, aber nachdrücklichem Zug führte er das Elefantenbaby zu seinem Pferd. Das Seil in einer Hand führend stieg er auf und ritt zurück zur Farm, während der Elefant neben ihm her trottete.

Während der Farmer unterwegs gewesen war, war die entlaufene Kuh von selbst zurückgekommen. Zwei dunkelhäutige Männer waren gerade damit beschäftigt sie in das Gatter zu treiben, als der Farmer durch das Hoftor ritt. Eine seltsame Ruhe trat ein als die Anwesenden den Elefanten sahen. Nur die Tochter des Farmers, ein aufgewecktes, fröhliches Kind von ungefähr sieben Jahren, rannte vom Haus auf seinen Vater zu. „Oh, ein Elefantenbaby! Der ist ja toll, ist der für mich?“ Mit kindlicher Begeisterung versuchte sie das verwirrte Jungtier zu umarmen, doch der Elefant riss sich los und lief einige Schritte weit weg. Das Mädchen wäre ihm sicher gefolgt, doch sein Vater war vom Pferd gesprungen und hielt es zurück. Er rief einige kurzen Befehle zu den beiden Männern hinüber, die gerade noch die Kuh ins Gatter gebracht hatte. Sie sollten den Elefanten fangen und in ein leeres Gehege sperren, ihm dann etwas Futter und Wasser bringen. Dann wandte er sich an seine Tochter: „Judith, nein, lass den Elefanten in Ruhe. Er ist klein, aber er kann dir doch gefährlich werden. Er ist kein Haustier für dich, sondern ich will versuchen ihn an einen Zoo oder Zirkus in Europa zu verkaufen. Du weißt ja, dass hier in der Gegend immer wieder Tierfänger unterwegs sind.“ Das Kind sah seinen Vater an und nickte leise. „Aber bis dahin darf ich ihn besuchen, oder?“ Der Farmer lächelte und antworte: „Ja, aber geh nicht zu ihm ins Gatter.“ Freudig lächelnd löste sich Judith aus der Umarmung des Vaters und lief hinter den beiden Farmarbeiten her, die den Elefanten grade zu einem etwas abgelegenen Gatter führten.

Was dann in den nächsten Wochen und Monaten auf der Farm geschah war durch niemanden vorherzusehen. Es kamen keine Tierfänger mehr in die Gegend und einige Zeit später erfuhr der Farmer, dass in Europa ein neuer Krieg ausgebrochen war. Der Dämon der ihn einst aus der Heimat vertrieben hatte tobte erneut. Die Nachrichten und Besucher aus der alten Heimat blieben aus, aber ansonsten ging das Leben auf der Farm weiter seinen gewohnten Gang. Alles verlief wie seit langer Zeit gewohnt, nur der Elefant sorgte immer wieder für Aufregung. Judith hatte ihren Vater nämlich so lange mit dem Wunsch danach das Tier behalten zu dürfen bestürmt, dass der gutmütige Mann irgendwann nachgegeben hatte. Der Elefant lebte also in seinem Gatter und wurde mit Ziegenmilch, Grünfutter und anderen Dingen die einem solchen Dickhäuter schmecken immer weiter aufgepäppelt. Einer der Farmarbeiter hatte Judith einige Legenden seines Volkes erzählt. Nach den uralten Geschichten waren die Elefanten von Gott als Wächter auf der Erde bestellt. Ihre Aufgabe war es, darüber zu wachen das niemand der Schöpfung Schaden zufügte. Wer sie gut behandelte, dem waren ein langes Leben, Glück und reicher Segen versprochen, doch wehe über den, der einen dieser Wächter missachtete! Von einem ehrfurchtgebietenden Gottesboten hatte Judith schon einmal gehört: Ihr Vater hatte ihr aus der Bibel vorgelesen, von Moses, der dem Pharao trotzte und das Meer teilte. Darum taufte sie den kleinen Elefanten Moses.

Eines Tages geschah etwas Merkwürdiges. Moses, der zwischenzeitlich zu einem recht stattlichen Jungelefanten herangewachsen war, blieb mitten im Gatter stehen, hob den Rüssel, stellte die Ohren weit ab und verharrte einige Minuten in dieser Pose. Dann stieß er ein lautes, markerschütterndes Trompeten aus und rannte los. Er riss die Umzäunung nieder, trampelte quer über den Hof und durchbrach auch die äußere Einfriedung der Farm. Judith, die mit ihrer Mutter auf der Veranda gesessen hatte, stand mit weit aufgerissenen Augen da und beobachtete das Schauspiel. Einer der Farmarbeiter, der dem Elefanten ein Stück weit gefolgt war, kam hastig zurück. „Andere Elefanten, draußen in der Savanne ist eine große Herde.“ Er kniete sich neben dem Mädchen hin und sagte „Judith, dein Moses ist wieder bei seiner Familie. Du hast für ihn getan was du konntest, jetzt kann er lernen ein richtiger Elefant zu werden.“ Trotzdem liefen Tränen über die Wangen des Kindes und sie verbarg ihr Gesicht im Rock der Mutter.


Einige Jahre später, kaum jemand auf der Farm dachte noch an Moses, ereignete sich wieder etwas Seltsames. Einer der Farmarbeiter war draußen im Busch unterwegs, als er von einem Leoparden überrascht und angegriffen wurde. Der junge Mann rannte davon und kletterte auf einen nahen Baum, doch die Katze war mit wenigen Sprüngen bei ihm. Panisch klammerte sich der Unglückliche an einen Ast. In wenigen Augenblicken würde ihn das Raubtier zerreißen. Doch dann ertönte ein markerschütternder Trompetenton und aus dem Gestrüpp unter dem Baum brach ein großer Elefantenbulle hervor. Unter entsetzlichem Getöse rannte er mit seiner Stirn gegen den Baumstamm. Weder der Mann noch die Katze konnten sich auf den Ästen halten und fielen krachend zu Boden. Entsetzt starrte der Farmarbeiter den rasenden Elefanten an, doch dieser schien sich nicht für ihn zu interessieren. Stattdessen stürzte er sich auf den Leoparden, der panisch die Flucht ergriff. Für einige Sekunden kehrte Stille ein, der Elefant stand reglos da und sah dem Raubtier nach, dann wand er sich dem Mann zu der starr vor Schreck liegen blieb. Mit weit aufgerissenen, angsterfüllten Augen sah er, dass sich der Elefant ihm langsam näherte. Wenige Schritte vor ihm blieb der Riese stehen und sah auf den zitternden Menschen hinab. Dann hob er seinen Rüssel etwas und schnupperte am Körper des Mannes bevor er sich umdrehte und langsam durch das Unterholz davon stampfte.

Einige Stunden später kehrte der immer noch verwirrte Mann zur Farm zurück und erzählte was geschehen war. Seine Zuhörer sahen sich ungläubig an, nur Judith, inzwischen zu einer ansehnlichen jungen Dame herangewachsen, sagte: „War das vielleicht Moses?“ Ihr Vater lachte und erwiderte: „Schon möglich, aber ich glaube es nicht. Den haben mittlerweile sicher die Hyänen gefressen.“ Judith schüttelte den Kopf, nein, das glaubte sie nicht. Einige Tage später begegnete ihr jener Arbeiter, der ihr damals die Elefantenlegende erzählt hatte. Der Mann zwar inzwischen alt geworden und hatte sich zu seiner Familie zurückgezogen. Doch manchmal kam er noch auf der Farm vorbei um Bekannte aus seiner Zeit dort zu besuchen. Judith erzählte ihm was geschehen war und der Alte nickte leise: „Ja kleine Lady, du könntest recht haben. Die Wächter vergessen nie etwas. Moses weiß, dass er uns Menschen sein Leben verdankt. Du hast für ihn gesorgt und bist bis heute seine Freundin. Die Wächter wissen so was.“ Irgendetwas in der Stimme des alten Mannes gab der Farmerstochter die letzte Gewissheit, dass es wirklich ihr Moses gewesen war der den Arbeiter gerettet hatte.

Noch einmal zogen einigen Jahre vorbei. Der neue Krieg in Europa hatte sich ausgetobt, doch auf der Farm in Afrika war dies nicht viel mehr als eine Nachricht aus einer fernen Welt. Viel bedeutender war es da schon, dass eines Tages der alte Farmer nicht mehr erwachte. Tiefe Trauer legte sich über alle Bewohner der Farm und man begrub ihn ein Stück weit vom Haus weg in der Savanne. Dort hatte er noch zu Lebzeiten einen kleinen Friedhof angelegt. Der erste der hier begraben wurde, war ein Farmarbeiter der in den Anfangstagen der Farm bei einem Unfall starb. Dann musste der alte Farmer seinen ältesten Sohn hier begraben, dieser war von einem Löwen angefallen worden. Jetzt war auch der Farmer selbst von hier aus auf die große Reise gegangen.

In der Nacht nach der Beerdigung schreckten alle Bewohner der Farm aus dem Schlaf auf. Ein furchtbares Geräusch, wie ein entsetzlich lauter, langanhaltender Schmerzensschrei, riss sie aus ihren Träumen. Judith trat auf die Veranda vor dem Haus und wollte sich umsehen, als einer der Arbeiter auf sie zu gerannt kam: „Miss, ein Elefant ist bei den Gräbern. Er schreit.“ Judith nickte und ging langsam vom Haus aus zum kleinen Friedhof. In der hellen, mondklaren Nacht waren deutlich die Umrisse des riesigen Tieres zu sehen. Es stand, mit gesenktem Kopf und hängendem Rüssel, vor dem frischen Grab des alten Farmers und stieß jenen schaurigen Ton aus. Wieder und immer wieder. Die junge Frau näherte sich langsam dem Friedhof und blieb erst stehen, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte. Einer der Farmarbeiter war ihr gefolgt und wollte sie aufhalten, doch sie schüttelte die Hand ab und ging weiter. Als der Elefant sie bemerkte, verstummte er und drehte sich zu ihr um. Mit hängenden Ohren und langsam hin und her pendelndem Rüssel beobachtete er, wie die junge Frau im Nachthemd langsam auf ihn zuging. Judith verspürte keine Angst, sondern ein tiefes, wärmendes Gefühl der Sicherheit. Sie spürte die mächtige Präsenz des Tieres, das von einer Aura aus Würde und Erhabenheit umgeben zu sein schien und wusste, dass ihr keinerlei Gefahr drohte. Wenige Schritte vor dem Elefanten blieb sie stehen. Langsam hob dieser den Rüssel und streckte ihn ihr entgegen, Judith ihrerseits streckte beide Arme mit den aufgerichteten Handflächen nach vorne. Nach einigen Augenblicken berührte der Elefant ihre Hände mit der Rüsselspitze. Eine Berührung die wohl nur eine Sekunde dauerte, für Judith aber eine Ewigkeit zu währen schien. Sie war sich jetzt sicher, dass Moses vor ihr stand. Langsam ging Judith zurück zum Haus. Alle hatten beobachtet, was auf dem Friedhof geschehen war doch sie schwiegen darüber.

Viele Jahre später schien die Sonne wie eh und je über der Farm. Judith saß auf der Veranda, einen kleinen Jungen auf dem Schoß, dem sie aus einem Buch vorlas. Bei einer besonders lustigen Stelle der Geschichte lachte das Kind auf und zog seine Großmutter an den langen, weißen Haaren. Diese lächelte sanft und schob die Hand des Kleinen weg: „Hey, lass das Jeremy.“ Fröhlich lachend rutschte der Junge von ihrem Schoß herunter und rannte auf den Hof hinaus. Einer der Farmarbeiter winkte ihm zu und das Kind erwiderte den Gruß. Judith lächelte, sie wusste was jetzt passieren würde. Jeremy würde bis zum Tor rennen, hinaus in die Savanne schauen und dann zurückkommen. Das tat er oft, warum wusste niemand so genau, aber wer wusste schon was im Kopf eines Vierjährigen vor geht? Doch diesmal blieb das Kind bereits einige Meter vor dem Tor stehen, kehrte um und rannte zu seiner Großmutter zurück: „Oma, da kommt eine Elefant!“ Er krähte fröhlich und hüpfte um seine Großmutter herum. Doch diese nahm ihn bei der Hand und führte ihn ins Haus: „Los, lauf zu deiner Mamma.“ Jeremy sprang davon, in die kühle Düsterheit des Hauses hinein und zu seiner Mutter, die wohl in der Küche arbeitete.

Judith ging derweil auf das Tor zu. Es war ihr als würde eine große Kraft sie dorthin ziehen. Jeremy hatte recht, tatsächlich stampfte ein Elefant auf das Tor zu, mit langsamen Schritten näherte er sich dem Tor und Judith ging langsam auf ihn zu. Es war ein gewaltiger, uralter Elefantenbulle. Das lange Leben in der Savanne hatte seine Haut gebleicht. Seine riesigen Stoßzähne berührten sich an den Spitzen fast und in seinem linken Ohr fehlte ein Stück, wohl eine Erinnerung an einen zurückliegenden Kampf. Einige hundert Meter vor dem Tor blieb das mächtige Tier stehen und sah Judith an. Diese ging langsam auf den Elefanten zu, wieder von jener seltsamen Zuversicht erfüllt, die sie damals auf dem Friedhof verspürt hatte. Wieder wusste sie tief in ihrem Inneren, dass es Moses war. Ein halbes Jahrhundert war vergangen und seit jener Nacht hatte sie Moses nicht mehr gesehen, doch die Verbindung war ungebrochen. Jeden Tag hatte sie in dieser Zeit gespürt, dass er irgendwo da draußen war. Seinem Amt als Wächter der Welt im Allgemeinen und als Wächter der Farm im Besonderen, nachgehend. Jetzt war er zu ihr gekommen und instinktiv wusste sie warum. Wie bei ihrer letzten Begegnung berührten sie sich und sie spürte die machtvolle Präsenz des gewaltigen Wesens. Dann hob Moses seinen Rüssel und stellte seine Ohren weit auf. Er trompetete laut und kräftig und ging dann einige Schritte zurück. Mit gesenktem Rüssel und hängenden Ohren blieb er einen Moment stehen und legte sich dann langsam hin. Judith trat neben das reglose Tier und kniete sich neben seinem Kopf hin. Sanft berührte sie die ledrige Haut und spürte, wie das Leben langsam aus dem Wächter wich. Sie bemerkte dabei nicht, dass alle Bewohner der Farm in einem weiten Kreis um sie herum standen und still beobachteten was sie zwar sahen aber nicht verstanden.

Am nächsten Tag brachten sie den toten Elefanten zu jenem Loch, in dem der alte Farmer einst die tote Elefantenkuh gefunden hatte. Mose lag nun auch dort, nicht begraben, denn das ist bei Elefanten nicht üblich, sondern auch im Tot noch Teil des Kreislaufs des Lebens zu dem nun einmal auch Geier, Hyänen und all die anderen Totengräber der Savanne zählen. Danach erzählte Judith den Farmbewohnern die es nicht wussten die Geschichte von Moses dem Wächter, dann verstanden sie.


Markus Zinnecker, 2017

Dienstag, 6. Juni 2017

Ghostrider




Dumpf grollte der Motor unter mir. Mit ruhiger Gleichmäßigkeit schien die Maschine das Asphaltband der Straße zu verschlingen, während der Horizont von der untergehenden Sonne in tiefes Rot getaucht wurde. Es war klar, dass ich nicht mehr bei Tageslicht nach Hause kommen würde und so genoss ich die Fahrt durch die langsam kühler werdende Abendluft.

Im sanften Schwung der kurvenreichen Strecke glitt mein Bike durch das Dämmerlicht hinab ins Flusstal. Eine schmale Straße folgte hier dem Wasserlauf, links der träge dahinfließende Strom und rechts schroffe Felswände, die letzten Überlebenden einer Schlacht die der Fluss seit Urzeiten mit den steinernen Kriegern der umliegenden Hochebene ausfocht. Hier unten war es bereits völlig dunkel, nur der gleißende Lichtfinger des Scheinwerfers durchschnitt die Nacht. Der tiefe Schlag des Einzylinders wurde von den Felswänden vervielfältigt und verzerrt, ein Klang wie das ferne Grollen des Donners, der Hufschlag des eisernen Rosses unter mir.

Eisig kalter Nachtwind umweht mich auf der Fahrt durch das dunkle Tal. Ein Gefühl wohliger Einsamkeit, der totalen Stille und inneren Ruhe erfüllt mich nach einem langen Tag auf der Straße. Doch dann spüre ich, dass ich nicht länger alleine bin. Eine Präsenz, kälter als der eisige Fahrtwind und tiefer als das schwarz des nächtlichen Flusses. Ich will mich umdrehen, sehen wer so plötzlich auf dem Soziusplatz erschienen ist. Doch eine Stimme, nicht zu hören aber zu spüren, hindert mich daran: „Dreh dich nicht um. Du kannst mich ohnehin nicht sehen.“ Schweigen legt sich wieder über das Flusstal und die Kälte steigt nun in meinem Rückgrat hinauf.

„Ich bin der Geist der Straße, ich war einst wie du.“ Die körperlose Stimme ist seltsam ruhig, schwingend und sanft, aber doch voller Macht und Alter. „Ein Jäger der Freiheit, ein Sklave der Straße. Ohne Rast unterwegs, in der Ruhe unruhig und Gefangen in der Sehnsucht. Verfallen der rasenden Fahrt und sicher nur in der Gefahr.“

Es durchfährt mich wie ein Eissturm. Als tobe der Nordwind durch mein Herz. Doch die Stimme wird wärmer, voll Freundlichkeit spricht sie: „Du sollst nicht verderben, so wie es mir einst geschah. Lass nun die Bremsen sprechen und den Motor schweigen.“

Kaum waren die Worte in meinem Geist verhallt glühten die Bremsen, denn die Macht der Worte war zu stark, unmöglich ihnen nicht zu gehorchen. Eine letzte Kurve noch, kurz dahinter rollt die Maschine langsam aus. Gerade noch rechtzeitig, ein Auto steht quer auf der Straße. Einer seiner Reifen liegt zerfetzt neben der Straße.

Im Auto sitzt ein junges Mädchen. Ihr Gesicht ist weiß wie ein Bogen Papier. Der Schreck des Unglücks, das sie soeben glücklich überstand, hat ihr die Farbe geraubt. Ich spreche sie an, helfe ihr und kurze Zeit später steht ihr Wagen auf dem Ersatzrad, bereit weiter zu fahren. Doch sie hält mich am Arm und erzählt mir eine Geschichte. Von ihrem Urgroßvater, der auf dieser Straße starb. Mit seinem Motorrad, in genau dieser Kurve. Ein platzender Reifen zerriss seinen Lebensfaden.

Sie drückt mir die Hand und steigt ein. Ich bleibe stehen und sehe ihr nach, die Rücklichter vergehen langsam in der Nacht. Dann ertönt ein leises Sausen, ein trübes Schemen jagt vorbei. Ich erkenne nur flüchtig eine nebelartige Gestalt, dahinjagend auf einem Motorrad, wohl hundert Jahre alt. So lautlos wie sie erschien verschwindet sie wieder. Woher und wohin? Niemand kann es sagen.

 Text und Bild: Markus Zinnecker, 2017

Montag, 1. Mai 2017

der seltsame Mann



Bei mir in der Straße wohnt seit einiger Zeit ein seltsamer Mann. Er ist schon etwas älter und trägt immer einen grauen Wollpullover. Seine Haut ist dunkelbraun und die grauen Haare bilden dazu einen harten Kontrast. Es hat den Anschein, als wäre sein Gesicht aus Stein gehauen, denn er lächelt niemals. Man könnte glauben, er habe nur diesen einen Gesichtsausdruck, eine seltsame Mischung aus Gleichgültigkeit und Leere.

Wenn die Kinder, die immer auf dem Parkplatz Fußball spielen, ihn sehen rennen sie davon. Das tun sie sonst nur, wenn der Hausmeister kommt. Denn dieser legt Wert darauf, dass die Hausordnung eingehalten wird. Spielen auf dem Parkplatz ist nämlich verboten. Der Hausmeister schimpft darum wenn er die Kinder erwischt. Den seltsamen Mann habe ich noch nie schimpfen sehen, überhaupt scheint er nicht sprechen zu können, denn er sagt nie etwas. Vermutlich ist er stumm und das macht den Kindern Angst.

Eine der Frauen die hier im Haus wohnen hat mir vor einigen Tagen gesagt, dass der seltsame Mann jeden Abend mit dem Bus in die Stadt fährt. Was er dort tut wusste sie nicht, aber spekuliert hat sie dennoch. Vermutlich sei er ein Einbrecher, denn manchmal verlässt er das Haus mit einem leeren Rucksack und kommt im Morgengrauen mit einem vollen zurück. Die Frau hat darum den Schlosser gerufen, sie will ein besseres Schloss an ihrer Wohnungstür.

Der Busfahrer wohnt auch hier in der Straße. Er hat mir erzählt, der seltsame Mann steige immer am Hauptbahnhof aus. Dort seien in der Nacht nur Huren und Junkies. Der Mann sei also vermutlich entweder ein Zuhälter oder ein Dealer. Der Busfahrer hat sich deshalb ein Pfefferspray gekauft, denn es gibt wohl viele seltsame Männer die abends mit dem Bus fahren.

Der Hausmeister hat mir etwas erzählt: „Man könnte es wirklich mit der Angst zu tun bekommen! Vorgestern ist mir der seltsame Mann im Park begegnet, er saß auf der Bank, auf der ich immer sitze um die Zeitung zu lesen. Als ich mich hinsetzen wollte ist er aufgestanden und weggegangen. Das tut doch nur einer, der etwas zu verbergen hat!“

Heute ist mir der seltsame Mann auf dem Gehweg vor dem Haus begegnet. Ich habe „guten Tag“ zu ihm gesagt. Er ist dann stehengeblieben und hat mich angeschaut. Nicht gleichgültig sondern verwundert. Darum habe ich ihn gefragt, ob etwas nicht in Ordnung sei. Er hat dann, in schlechtem Deutsch, gesagt, dass ihn normalerweise niemand Grüße. Wir haben uns dann etwas unterhalten. Jetzt weiß ich, dass er Ahmed heißt und aus Afghanistan kommt. Dass er in der Nachtschicht in der Großbäckerei hinter dem Bahnhof arbeitet und sich manchmal etwas Brot mit nach Hause nehmen darf.

Ahmed ist kein seltsamer Mann, er ist ein Bäcker.

Markus Zinnecker, 2017

Montag, 3. April 2017

vom Uhrengleichnis



Das Kloster der heiligen Brüder lag weit vor der Stadt, in einem stillen Tal das nur selten von Fremden betreten wurde. Eine Mauer aus groben Steinen umfasste den Garten und die Gebäude des Klosters. Auch diese waren grau und schmucklos. Überhaupt gab es nur zwei Räume im ganzen Kloster, in denen sich Schmuckwerk fand. Das war zum einen natürlich die Kirche, das prachtvolle Gotteshaus des Ordens, das in seinem stillen Prunk zum steinernen Monument des Glaubens geworden war. Zum anderen war es der große Speisesaal der Mönche, das Refektorium. An den Wänden des Saals hingen einige Gemälde alter Meister, die bedeutende Szenen aus den heiligen Schriften darstellten. Zwischen den kostbaren Bildern hing, wie ein Fremdkörper wirkend, eine alte Uhr. Es war ein einfacher Zeitmesser aus alter Zeit, eingefasst von einem schmucklosen Holzgehäuse und von einem großen Pendel in Gang gehalten.

Eines Tages geschah etwas, das sehr selten war. Ein Besucher klopfte an die Pforte und einige Zeit später führte der Abt den Besucher umher. Er zeigte ihm in stiller Bescheidenheit das gesamte Kloster und zuletzt betraten sie auch das Refektorium. Wegen der dort aufgehängten Bilder war der Besucher überhaupt den langen Weg von der Stadt gekommen. Er war ein Kunstfreund und wollte sich die dort verborgenen Gemälde ansehen. Der Abt nahm derweil auf einem der Stühle im Refektorium Platz und beobachtete schweigend den Kunstfreund, der aufmerksam die Gemälde studierte. Zuletzt trat er neben den Abt und sagte: „Vater Abt, ich danke euch. Es war sehr großzügig, dass ihr mir erlaubt habt diese wundervolle Gemäldesammlung zu bewundern. Doch sagt mir, warum hängt diese hässliche alte Uhr zwischen den Bildern?“

Der Abt erhob sich und blieb vor der Uhr stehen. Er betrachtete sie kurz schweigend, dann öffnete er die Tür des Uhrengehäuses und nahm den Schlüssel zur Hand, der darin lag. Dann zog er die Uhr, immer noch schweigend, auf und legte den Schlüssel zurück an seinen Platz. Mit einem leisen Quietschen fiel die Tür des Uhrenkastens wieder zu und erst jetzt antwortete er dem Besucher: „Mein Sohn, sieh dir diese Bilder an. Was ist ihnen allen gemein?“ Ohne lange zu überlegen antwortete der Gefragte: „Sie alle zeigen biblische Szenen.“ Der Abt nickte. „Ja, das tun sie. Sie sind Predigten aus Ölfarbe, gemalt auf Leinwand vor uralter Zeit. Sie tragen schweigend die Botschaft des Glaubens durch die Jahrhunderte. Nun sieh dir das Gewölbe des Refektoriums an!“ Der Kunstfreund erhob seinen Blick und betrachtete die Gewölbedecke des Saals. Auf den Steinen des Gewölbes waren Symbole, Bilder und Figuren eingegraben. Diese stellten Heilige und Figuren aus den Schriften dar. Der Abt fragte ihn: „Was siehst du?“ „In den Stein des Gewölbes eingehauene Bilder. Auch diese Bilder stellen heilige Szenen dar.“ Wieder nickte der Abt: „Ja, so ist es. Sie sind Predigten aus Stein, eingegraben in den Fels aus dem Gott die Erde erbaut hat und hierher gebracht, aufgetürmt zu einem künstlichen Gebirge. Wie die Gemälde erzählen sie seit uralter Zeit vom Geheimnis des Glaubens.“ „Ja, aber was hat das mit der Uhr zu tun?“ Der Kunstfreund wurde langsam ungeduldig. Der Abt lächelte und antwortete: „Generationen von Mönchen haben die Bilder an der Wand und die Figuren im Stein des Gewölbes gesehen. Ebenso haben Generationen von Mönchen die Uhr gesehen und ihre Botschaft verstanden. Sie ist eine Predigt in mechanischer Form. Mit den Bildern zeigen uns die Maler ihren Glauben, mit dem Relief tun es die Steinmetze und mit der Uhr der Uhrmacher.“ Der Besucher sah den Abt verwirrt an, sagte jedoch nichts und so fuhr der Ordensmann fort: „Tief in sich trägt die Uhr eine Feder, sie gibt dem Werk die Energie. Ohne die Feder ist das Werk nichts, denn es würde ihm die Kraft fehlen die Zeiger zu bewegen. Doch auch die Feder ist nichts ohne das Werk, denn sie würde ihre gesamte Kraft in einem einzigen Ausbruch vergeuden und nicht in einer langsamen aber nützlichen Bewegung. Die Feder ist der Glauben, die Kraft die wir jeden Tag nutzen und ohne die wir nicht leben können. Das Werk ist das tägliche Arbeiten. Die Kraft des Glaubens ermöglicht den täglichen guten Dienst.“ Der Kunstfreund schien das Gleichnis zu verstehen, bemerkte aber dennoch: „Aber nach einer gewissen Zeit ist die Feder abgelaufen und die Uhr muss wieder aufgezogen werden.“ Der Abt lächelte als er antwortete: „Ja, so ist es. Die Feder unseres Glaubens immer wieder neu zu spannen, das ist die Aufgabe der Liebe Gottes. Jener Energie, die das gesamte Weltall erfüllt und der Schöpfung Atem gibt. Um die Uhr aufzuziehen benötigt man den Schlüssel. Dieser Schlüssel ist das Gebet aus dem die Kraft des Glaubens erwächst.“

Einige Zeit später war der Kunstfreund auf dem Weg nach Hause. Er fühlte sich seltsam leicht und fröhlich. Ihm war zum Kloster hinaus gewandert um einen Schatz zu betrachten, doch hatte er einen Schatz erhalten den er mit sich nehmen durfte.


Text: Markus Zinnecker, 2017

Mittwoch, 1. März 2017

der Präriedämon



Bisweilen geschehen seltsame Dinge und allzu leicht ist man versucht, diese dem Zufall zuzurechnen. Doch geschieht so gut wie nichts, das nicht einen tieferen Sinn hat. Freilich ist es meistens erst in der Rückschau möglich diesen zu erkennen. So auch bei dieser Geschichte, von der ich nicht sicher sagen kann ob sie sich so oder ähnlich ereignet hat. Doch gleichgültig ob sie Realität oder Fiktion ist, sie trägt doch den Samen der Wahrheit in ihrem tiefsten Kern.

Ratternd rollten die Räder des Zuges über die Schienen. Der endlose, immer gleiche Rhythmus des Hufschlags des Feuerrosses klang über die Weite der Savanne. Ein strahlend schöner Tag, der den Himmel im klarsten Saphirblau erstrahlen ließ. Die einzigen Wolken die zu erkennen waren, stammten aus dem Schornstein der Lokomotive und konnten die strahlende Majestät der Natur nicht verdunkeln. Am Ende des Zuges, der ansonsten nur aus den üblichen Wagen für Passagiere und den Transport der Post bestand, hatte man einen geschlossenen Güterwagen angehängt. Dieser enthielt eine besondere Fracht, die bis zu diesem Tage im amerikanischen Westen unbekannt war. Dann geschah etwas, das sehr ungewöhnlich war: Nachdem der Zug eine Kurve durchfahren hatte, musste er eine leichte Steigung überwinden. Diese war gerade stark genug, dass der Maschinist etwas mehr Dampf geben und der Heizer ein klein wenig mehr anfeuern musste und der Zug trotzdem langsamer wurde. Am oberen Ende der Steigung beschleunigte der Zug wieder und der dabei entstandene geringe Ruck genügte, um die Kupplung des Güterwagens zu zerbrechen. Der Wagon blieb, von den Bahnbeamten und Passagieren an Bord des Zuges unbemerkt, auf der Strecke zurück und rollte die Gefällestrecke hinab. Erst nur langsam und dann immer schneller, dabei soweit beschleunigend, dass er in der Kurve aus den Schienen sprang und krachend gegen einen großen Felsblock raste, der sich neben der Bahnlinie befand.

Für einige Minuten war es völlig still an der Unfallstelle, doch dann erklang aus dem Inneren des beschädigten, aber nicht völlig zerstörten Wagens ein schnaubendes Geräusch. Dieses steigerte sich in kurzer Zeit zu einem grausig anzuhörenden Grunzen und Stampfen, das darin gipfelte, dass die Bretter der Seitenwand nach außen gedrückt und zerbrochen wurden. Ein riesiges Wesen im Inneren des Wagon war durch die Wucht des Aufpralls zunächst betäubt worden und jetzt, rasend vor Angst, dabei sich den Weg ins Freie zu bahnen. Noch einige Male ertönte das schaurige Grunzen, dann flogen einige zerbrochene Bretter und verbogene Metallteile durch die Luft und die Kreatur quetschte sich durch das von ihr geschaffene, knapp bemessene Loch in der Seitenwand des Wagens. Mit einem triumphierenden Trompetenton schüttelte das Geschöpf seinen mächtigen Kopf und sah sich in der neuen Umgebung um.


Der so genannte Zufall hatte an diesem Tag zwei Jäger vom Stamm der Sioux in jene Gegend geführt. Diese hatten den Zug in der Ferne vorbeifahren sehen und waren dann vom Krach des Unfalls angelockt worden. Die merkwürdigen Geräusche aus dem Inneren des Güterwagens hatten sie davon abgehalten sich zu nähern, stattdessen waren sie hinter einigen Felsen in Deckung gegangen und späten vorsichtig zur Unfallstelle hinüber. Als sich die Kreatur aus dem Wagon befreit hatte sahen sie sich angstvoll an. Ein solches Wesen hatten sie noch nie gesehen, dabei waren ihnen alle Tiere der Prärie bekannt, ebenso sämtliche Kreaturen die sich in den Urwäldern und Felsenbergen verbargen. Sie waren sich sicher, dass dies nur einer jener schaurigen Dämonen sein konnte, von denen die Legenden handelten die der Medizinmann manchmal erzählte. Doch wie war es den weißen Männern gelungen einen solchen Dämon in einen der Wagen zu sperren, die das Feuerross über die Prärie zog? Andererseits, war nicht das Feuerross selbst eine dämonische Kreatur, die von den Weißen beherrscht wurde? Der ältere der beiden Jäger wollte etwas sagen, doch dann bemerkten sie, dass der Dämon direkt auf sie zu kahm. In blinder Furcht rannten sie davon und bemerkten daher nicht, dass das Wesen stehengeblieben war und ihnen verwirrt hinterherblickte. 

Im Dorf rannten sie, ohne sich erst beim Häuptling zu melden, direkt zum Zelt des Medizinmannes. Der Alte saß neben einem kleinen Feuer vor dem Zelteingang und beobachtete, wie einige Kräuter und Wurzeln langsam zu einer breiartigen Masse zerkochten. Erstaunt sah er die Jäger an, als diese vor ihm stehengeblieben waren. „Meine Brüder, was ist euch wiederfahren? Was hat die tapferen Söhne der Sioux in solche Furcht versetzt?“ Als sie wieder zu Atem gekommen waren, berichteten sie was sie gesehen und erlebt hatten. Das Gesicht des Schamanen verriet dabei nicht was er von den Ereignissen hielt. Zwischenzeitlich waren auch der Häuptling und einige andere Krieger dazu gekommen und standen schweigend um den alten Mann und die beiden Jäger im Kreis. Nach einigen Momenten des Schweigens sagte der Medizinmann mit ruhiger Stimme: „Die weißen Männer sind mächtig. Sie beherrschen das Feuer und das Wasser. Die Gewalt der Elemente ist ihnen zu Diensten und sie vermag großes. Sie treibt die Dampfkanus über den großen Fluss und das Feuerross auf seinem eisernen Weg durch unsere Jagdgründe. Doch sie vermögen es nicht Dämonen in Kisten zu sperren. Darum kann die Kreatur die ihr gesehen habt kein Dämon sein. Allerdings bedeutet dies nicht, dass sie ungefährlich ist. Darum mögen mir morgen einige Krieger dabei helfen sie zu suchen, wir werden sie uns ansehen und dann urteilen.“

Am nächsten Morgen ritten sechs Männer aus dem Dorf. Es waren der Medizinmann und der Häuptling, die beiden Jäger und zwei weitere Krieger. Mit den Pferden erreichten sie die Unfallstelle schnell und stellten dort fest, dass sie nicht die Einzigen waren, die nach der merkwürdigen Kreatur suchten. Sie fanden die Spuren von drei Reitern die an der Bahnstrecke entlang geritten waren. Sie waren aus der Richtung gekommen, in die der Zug gefahren war. Sie waren der Spur des Wesens gefolgt, dass in die Savanne hinaus gelaufen war. Jetzt folgten die Indianer diesen Leuten und einige Stunden später bemerkten sie am Horizont eine Bewegung. Dort schienen mehrere Reiter ein großes Tier einfangen zu wollen. Die sechs Männer ritten langsam weiter und bald konnten sie genau erkennen was vor sich ging. Einer der beiden Jäger sagte: „Meine Brüder, dort ist der Dämon und einer der Weißen spricht zu ihm.“ Der Häuptling gab ein Zeichen und die Männer hielten ihre Pferde an, nur der Medizinmann ritt langsam weiter und näherte sich den Weißen und der bizarren Kreatur mit der sie sich befassten. Selbst den erfahrenen, weisen Schamanen erfasste ein Anflug von Angst als er das gewaltige Wesen sah. Es war größer als der größte Bison den er jemals gesehen hatte. Zudem schien es kein Fell zu haben und zwei gewaltige Zähne ragten aus seinem Kopf. Es schlug langsam mit den mächtigen Ohren und von seinem Maul schien ein Arm herabzuhängen. Die Weißen hatten ihm einen Lasso über den Kopf geworfen, dessen Ende allerdings lose herabhing. Das Wesen stand völlig ruhig da und schien einem der Männer zuzuhören. Dieser war als einziger abgestiegen und stand direkt vor der Kreatur. Dann bemerkten sie den Indianer und drehten sich zu ihm um: „Halt, was willst du?“ fragte einer der Berittenen. „Das Wesen das ihr gefangen habt ist gestern aus seinem Kasten entflohen. Zwei unserer Krieger haben dies beobachtet und hielten es für einen Dämonen. Sie flohen voller Furcht ins Dorf zurück. Mein Name ist sehender Adler, ich bin der Schamane des Stammes und meine Aufgabe ist es zu erforschen was dieses Wesen ist. Ist es eine Gefahr für meine roten Brüder?“ Der Mann, der abgestiegen war, kam näher und sprach mit dem alten Mann der ebenfalls von seinem Pferd gestiegen war: „Dieses Wesen ist kein Dämon und es ist normalerweise nicht gefährlich. Man nennt es einen Elefanten und es kommt aus einem fernen Land, jenseits des großen Wassers. Die Eisenbahn sollte es von der östlichen Küste an die westliche bringen, wo es als erstes seiner Art in einen Garten gebracht wird. In diesem Garten, den man einen Zoo nennt, werden Tiere aus aller Welt leben um den Menschen zu zeigen wie wunderschön und vielfältig Gottes Schöpfung ist. Ich bin sein Wärter und meine Aufgabe ist es jetzt, es zurück zu holen.“ Der Schamane war inzwischen direkt vor den Elefanten getreten. Dieser spürte instinktiv, dass der alte Mann ihm freundlich gesonnen war. Langsam hob der alte Mann die Hand und hielt sie mit der Fläche nach oben hin. Was dann geschah erstaunte nicht nur die drei Weißen, sondern auch die anderen Sioux die inzwischen nähergekommen waren. Der Elefant hob seinen Rüssel und stieß ein ohrenbetäubendes Trompeten aus. Danach legte er die Rüsselspitze auf die Handfläche des Alten und beide verharrten einen Moment in dieser Stellung. Dann hob der Elefant den Rüssel wieder und trat einen Schritt zurück, wobei er den Kopf neigte. Gleichzeitig verbeugte sich der alte Mann vor dem Tier und drehte sich dann um. Zu seinem Begleitern gewandt sagte er: „Seht meine Brüder, wir wissen jetzt was für eine Kreatur dies ist. Manitu hat nicht nur dieses Land erschaffen und die Tiere die darin leben. Von der winzigen Ameise bis zum gewaltigen Grizzlybären kennen wir alle Tiere dieses Landes. Manitu hat jedoch noch viele andere Länder und viele andere Tiere erschaffen, die wir nicht kennen. Eine solche Kreatur haben wir heute kennengelernt. Wie alles Unbekannte macht sie uns Angst, doch liegt der wahre Mut darin diese Angst zu überwinden und zu lernen. Nur zu fürchten ohne zu lernen führt zu Hass und Leid. Lasst uns in unser Dorf zurückehren und dort allen von dieser Lehre berichten.“ 

Ohne ein weiteres Wort stieg er auf sein Pferd und ritt, begleitet von den fünf anderen Sioux, zurück zum Dorf. Die drei Weißen sahen ihnen einige Zeit lang nach und ritten dann ebenfalls weiter, wobei der Wärter den Elefanten am Lasso neben sich führte. Auch sie dachten über die Worte des Schamanen nach, die ihnen ebenso tief ins Herz gedrungen waren wie den fünf Indianern. Der Elefantenwärter und seine Begleiter sahen den Indianern nach. Auch in ihren Herzen wirkten die Worte des Alten nach.




Text: Markus Zinnecker, 2017