Dienstag, 6. Dezember 2016

die zwei Hunde



Tiefer Friede lag über dem Dorf der Indianer von den großen Seen. Am Tag zuvor war eine große Büffelherde über die Prärie gezogen und die Krieger hatten zwei der gewaltigen Tiere erlegt. Jetzt ruhten sich die Indianer aus, denn es war viel harte Arbeit gewesen die Beute zu zerlegen und zu verarbeiten. Im kommenden Winter würde niemand hungern und frieren, denn es waren genügend Dörrfleisch und Felle vorhanden. Etwas abseits saß ein alter Mann am Feuer, das vor seinem Zelt brannte. Er war tief in Gedanken und Erinnerungen versunken. Im Geist reiste er zurück in die Zeit, als er ein junger Krieger gewesen war, lange bevor er in den Rat der Ältesten aufgenommen und zu einem angesehenen Weisen geworden war. Heute verehrten seine Leute ihn als mächtigen Schamanen und weisen Berater.

Tief in der Vergangenheit versunken bemerkte er zunächst nicht, dass er nicht mehr alleine war. Ein kleines Mädchen hatte sich ihm schüchtern genähert und wartete still, dass der Alte es bemerkte. In ihren kleinen Armen lag ein Bündel, etwas war in eine Decke eingewickelt und plötzlich erklang aus dem Bündel ein leises Jaulen. Die Augen des alten Mannes öffneten sich und er sah zur Quelle des unerwarteten Geräuschs. Es musste ein junger Hund sein, den das Mädchen so liebevoll behütete. Es waren jedoch die großen, von Tränen feuchten Augen des Kindes, die dem Schamanen als Erstes auffielen. Mit sanfter Stimme fragte er: „Was führt dich zu mir mein Kind?“ Die Kleine nahm ihren ganzen Mut zusammen und trat näher bevor sie antwortete: „Einer der großen Hunde hat meinen Welpen angefallen und verletzt. Dabei wollte er nur auch einen der Büffelknochen haben. Mein Vater wollte ihn erschlagen, denn er sei zu schwach um zu überleben. Aber ich glaube du kannst ihn heilen.“ Der Alte beugte sich zu ihr hinüber und nahm ihr das Bündel aus den Armen.

Der Welpe war schwer verletzt, ein großer Hund hatte ihn am Bauch gepackt und das kleine Tier hatte viel Blut verloren. Doch die geschickten Hände des Schamanen reinigten die Wunden und bestrichen sie mit einer Paste aus Kräutern, bevor er sie mit Baumrinde bedeckte und mit einer Sehne verband. „Du musst dich gut um deinen kleinen Freund kümmern. Dann wird er in einem Mond wieder genesen sein.“ Der freudige Gesichtsausdruck des Kindes brachte auch den alten Mann für einen Moment zum Lächeln. Dann fuhr er fort: „Doch nimm auch die Lehre an, die in diesem Geschehnis liegt. Bedenke das Manitu nichts geschehen lässt, das nicht einen tieferen Nutzen und Sinn hat.“ Das Kind sah den Alten verwirrt an, wagte aber nicht zu fragen was er meinte. Doch der Alte erkannte die unausgesprochene Frage. „Im Leben aller Kreatur existieren zwei Hunde, die sich im ständigen Streit befinden. Einer ist der Hass und der Andere ist die Liebe.“ Das Kind sah einige Zeit lang den Welpen an und dann den alten Mann. An ihrem Gesichtsausdruck sah der Schamane, dass sie ihn verstanden hatte. Nach einer Weile jedoch fragte sie ihn: „Und welcher Hund gewinnt?“ Der Alte lächelte, denn er wusste jetzt sicher, dass sie ihn verstanden hatte: „Der den du fütterst und umsorgst wird immer stärker werden und am Ende gewinnen.“


Text: Markus Zinnecker, 2016
Mit besonderem Dank an meine liebe Freundin Annemarie, die auf ihre Art diese Geschichte inspiriert hat.

Sonntag, 27. November 2016

Der verlorene Hund



In den Weiten der afrikanischen Savannen lebte einst ein Mann der mit den Tieren sprechen konnte. Aufgrund dieser Fähigkeit wurde er von seinem Stamm als großer Schamane verehrt und zugleich gefürchtet. Darum lebte er zurückgezogen in einer Hütte, die an einem kleinen See im Schatten einiger Akazien stand. 

Eines Morgens saß der Schamane auf einem Stein am Ufer des Sees und unterhielt sich mit dem Krokodil, das im See lebte. Es war ein sehr altes und freundliches Krokodil, das nur noch selten fraß und weder grausam noch hinterhältig war, wie das den Krokodilen oft unterstellt wird. Plötzlich unterbrach er sich und horchte, er hatte den Eindruck, als habe er jemanden weinen gehört. Auch das Krokodil schien es bemerkt zu haben, denn es glitt leise zurück ins Wasser um nicht zu stören. Der Schamane glaubte schon er habe sich getäuscht, als er das leise Weinen wieder hörte, diesmal deutlicher und näher. Er sah sich um und entdeckte ein kleines Mädchen, das neben dem Eingang seiner Hütte saß. Langsam ging er hinüber und setzte sich neben das Kind: „Was ist los? Warum weinst du?“ Die Kleine sah ihn an und sagte: „Mein Hündchen ist in die Savanne gelaufen und ich finde es nicht mehr. Die alten Männer im Dorf haben mir erzählt, das du mit den Tieren sprechen kannst. Kannst du mir helfen es zu finden?“ Der Schamane lächelte und umarmte das Mädchen. Sanft strich er ihr mit der Hand über den Kopf und sagte: „Ich kann es versuchen, aber nicht alle Tiere hören mir zu wenn ich sie etwas frage.“ Die Kleine hatte aufgehört zu weinen und sagte: „Gut, ich hoffe du findest ihn. Er ist mein einziger Freund.“ Dann stand sie auf und ging langsam und mit gesenktem Kopf zurück zum Dorf. Der Mann stand ebenfalls auf und ging zum See zurück.

Das Krokodil lag mit weit aufgerissenem Maul am Ufer und lies sich von einem Madenhacker die Zähne reinigen. Als es den Schamanen kommen sah schüttelte es den Kopf und der Vogel flog davon. Der Mann sah den neugierigen Blick des Reptils und antwortete auf die ungestellte Frage: „Dem Kind ist sein Hündchen davongelaufen. Es hat mich gebeten das Tier zu suchen, aber ich weiß nicht wo ich anfangen soll.“ „Frag den Geier, dieser fliegt hoch und sieht alles.“ Meinte das Krokodil. Der Schamane sah sich um und ging los um den Geier zu fragen.

Der Geier hockte neben dem Skelett eines Zebras, von dessen Knochen er einige Fleischreste abnagte. Als er den Schamanen kommen sah hörte er auf zu fressen, hüpfte einige Schritte vom Kadaver weg und sah den Menschen misstrauisch an. Dieser blieb vor dem Vogel stehen und fragte: „Geier, ich wurde von einem Mädchen gebeten bei der Suche nach einem entlaufenen Hund zu helfen. Hast du etwas gesehen?“ Der Aasvogel legte den Kopf schief und dachte nach: „Einen Hund sagst du? Ich habe keinen Hund gesehen, frag den Löwen, er wandert den ganzen Tag umher und sieht viele Dinge.“ Der Schamane nickte und bedankte sich, dann ging er los um den Löwen zu fragen.

Der Löwe lag faul im Schatten einiger Felsen als der Schamane ihn fand. Sein dicker Bauch verriet, dass er vor kurzem gefressen hatte. Ein gutes Zeichen, denn ein satter Löwe ist meist auch ein gut gelaunter Löwe. Als er den Schamanen sah erhob er sich halb und stieß ein majestätisches Brüllen aus. Der Mann hob die Hände und verneigte sich respektvoll, als er in einiger Entfernung stehen bleib und fragte: „Löwe, König der Tiere, ich wurde von einem Mädchen gebeten bei der Suche nach einem entlaufenen Hund zu helfen. Hast du etwas gesehen?“ Die Katze streckte sich und antwortete: „Einen Hund? Ja, ich hab einen Hund gesehen, er lief vom Dorf deines Volkes an den Termitenhügeln vorbei auf die Elefantenherde zu. Vermutlich haben die ihn zertrampelt.“ Der Schamane verneigte sich erneut und bedankte sich, dann ging er los um bei den Elefanten nachzusehen.

Die Elefanten waren weiter gezogen und nur ein besonders großer Bulle war noch in der Nähe der Termitenhügel zurück geblieben. Langsam rupfte er frisches Grün aus der Krone eines Buyubaums und stopfte sich die Äste geräuschvoll ins Maul. Er bemerkte den Menschen erst, als dieser ihn mit lauter Stimme anrief: „Elefant, mächtiger Herrscher der Savanne, ich brauche deine Hilfe!“ Der Elefantenbulle, der schon sehr alt und schwerhörig war, stampfte auf den Mann zu und schlang ihm seinen Rüssel um den Leib. Dann hob er ihn hoch und hielt ihn direkt vor eines seiner gewaltigen Ohren. „Spricht lauter Mensch, ich verstehe dich nicht.“ Die grollende Stimme des grauen Riesen lies den Schamanen erschaudern, dennoch schrie er dem Dickhäuter ins Ohr: „Ein Mädchen hat mich gebeten bei der Suchen nach einem entlaufenen Hund zu helfen. Hast du etwas gesehen?“ Mit einem Nicken seines Kopfes setzte der Elefant den Menschen wieder auf den Boden und antwortete: „Ja, den Hund habe ich gesehen. Er rannte aus dem Dorf deiner Leute an den Termitenhügeln vorbei, sah den Löwen und floh vor ihm. Eines unserer Jungen wäre fast auf ihn getreten. Dann lief er hinüber zur Schlucht in der die Hyäne haust. Ich wollte ihn noch warnen, aber er war zu schnell.“ Wieder bedankte sich der Mann und ging in die Richtung in der sich die Schlucht befand.

Die Hyäne saß im Eingang einer Höhle und schien mit dem Hund zu sprechen als der Schamane kam. Er hörte nur das schrille Lachen der Hyäne, verstand aber nicht was sie sagte. Als er näher kam unterbrachen die beiden Tiere ihr Gespräch und sahen den Mann neugierig an. „Du wagst dich in meine Schlucht, Mensch?“ Das übel beleumundete Tier klang mehr verwundert als aggressiv. „Ja Hyäne, denn ich suche den Hund des Mädchens. Es scheint, ich habe ihn bei dir gefunden.“ Der Hund sah ihn an und wirkte verlegen: „Hoffentlich ist sie mir nicht böse, aber ich wollte wissen ob die Geschichten stimmen.“ „Was für Geschichten?“ fragte der Schamane. „Die Menschen erzählen davon, wie gemein und hinterhältig, wie gefährlich und verschlagen die Hyäne sei. Ich verstand es nicht, denn sie tut nichts, was andere Tiere nicht auch tun, darum beschloss ich sie zu besuchen und nachzusehen, ob es stimmt was man erzählt.“ Wieder lachte die Hyäne. Der Hund fuhr fort: „Es stimmt nicht, ich glaube nicht das sie schlimm ist. Auch nicht das man Angst haben muss, nur Respekt, wie vor allen anderen Tieren auch. Sie kann nicht am Himmel gleiten wie der Geier und sie ist nicht schön und majestätisch wie der Löwe und auch nicht stark und gewaltig wie der Elefant. Darum sucht sie ihre Nahrung in der Nacht und mit großer Vorsicht, dennoch hat sie ihre Aufgabe und die Savanne könnte ohne sie nicht sein. Das Leben wäre ohne sie schlechter und sie ist wichtig und gut. Das habe ich jetzt gelernt und ich verlasse sie nicht als Freund, aber als respektvolles Mitlebewesen.“ Zur Hyäne gewandt fügte er noch hinzu: „Ich danke dir, denn du hast mich gelehrt was die Menschen nicht kennen: Toleranz und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.“ Er verneigte sich nach Hundeart, während der Schamane die Hyäne nach Menschenbrauch grüßte, dann gingen die beiden zurück zum Dorf. 

Das Mädchen freute sich sehr darüber, dass ihr der Schamane den geliebten Spielkamerad zurück brachte, doch diesem gingen die Worte des Hundes nicht aus dem Kopf. An jenem Abend saß er noch lange am Wasser und sprach mit dem Krokodil darüber, was man von Menschen nicht lernen kann, aber lernen können sollte.




Markus Zinnecker, 2016

 

Sonntag, 20. November 2016

die häßliche Madonna



An einem halb vergessenen Ort, eingeklemmt zwischen dem gnadenlosen Betonband der Autobahn und der klaffenden Wunde eines alten Tagebaus, befindet sich eine kleine Kapelle. Niemand den ich gefragt habe weiß wie lange sie da schon steht. Wie lange ihr grobes Mauerwerk schon von Wind und Wetter zernagt und von den Wurzeln der umstehenden Bäume angehoben wird. Niemand kann sich erinnern, wer sie errichtet hat und aus welchem Grund. War es ein tiefer religiöser Impuls? Sühne für eine verborgene Schuld? Dank für die glückliche Heimkehr aus der Knochenmühle des Krieges? Einerlei, denn Spekulation nützt nichts. Die Kapelle ist da, soviel steht fest. Der Weg, der selten benutzt wird und halb von Unkraut und Gebüsch überwachsen ist, führt an der schmucklosen Rückseite des kleinen Sakralbaues vorbei. Die meisten der wenigen Wanderer, die hier vorbei kommen dürften die Kapelle kaum als solche erkennen. Sie wirkt aus dieser Perspektive eher wie ein Unterstand für die Gerätschaften eines Bauern.

Mach man sich jedoch die Mühe vom Weg abzuweichen und die Kapelle zu umrunden, so findet man eine steinerne Kirchenbank. Wie die Kapelle selbst aus grauem, brüchigem und langsam zerfallenden Stein errichtet. Flechten haben von der Bank Besitz ergriffen. Haben Flechten eine Religion? Wenn ja, zu welcher Gottheit beten sie wohl an diesem Ort? In der Kapelle gibt es nicht viel, ein rostiges Eisengitter schützt das Gnadenbild an der Rückwand. Dieses Gnadenbild fesselt die Gedanken, denn es ist unsagbar hässlich. Es ist keine liebliche Jungfrau, wie sie von ungezählten Marienbildnissen strahlt. Hier stellt keine freundliche, alabasterhäutige Schönheit mit Kirschlippen und Ebenholzhaar die irdische Mutter des göttlichen Erlösers dar. Es ist das grobe Gesicht einer Bäuerin aus vergangener Zeit. Ihr Gesicht ist breit, mit gesenkten Augen deren Blick wohl schon viel Not und Leid gesehen hat. Wie viele Tränen flossen wohl schon aus diesen Augen? Ihre Hände halten ein Kind, das wenig Freude zu kennen scheint. Das den Eindruck erweckt, sich den Händen seiner Mutter entwinden und ihr entfliehen zu wollen. Die Hände der Mutter, die mehr den Pflug als die Wiege gewohnt sind, denen harte Arbeit jede Anmut geraubt hat und die das verletzliche Wesen, welches in ihnen ruht, wohl nicht umschließen wie Samt, sondern wie grobes Sacktuch.

Dennoch, es ist schwer zu fassen, strahlt dieses gnadenlose Gnadenbild eine himmlische Majestät aus. Der vergessene Künstler, der in einer lange vergessenen Zeit dieses Bildnis schuf tat es nicht um etwas Hässliches zu erschaffen. Er tat sein Bestes und legt Zeugnis ab von einer unerbittlich harten Welt, voll Entbehrungen und Mangel. In einer Zeit, als selbst die Hilfe des Himmels ungewiss und wage erschien, erschuf er ein bleibendes Werk. Wohl ohne es zu wollen zeichnete er das Bild der wahren Madonna. Die Mutter eines armen Heilandes für die Elenden dieser Welt. Es ist als würde ein Vorhang zurückgezogen und langsam der Blick auf bisher verborgenes freigegeben. Marias Blick, der Blick jener traurigen Augen, ist doch liebevoll und warm. Er sieht das ärmliche Wesen in ihrem Arm voll Freundlichkeit an. Armes, entbehrungsreiches Lebens macht oft die Hände hart, aber die Seele weich. Wohl bereiteter Boden für Wärme und Liebe, für Freundschaft und Herzlichkeit.

So wird die hässliche Madonna zum Sinnbild für all jene, die das Wenige das ihnen gegeben ist nicht für sich behalten sondern weitergeben. Oft ist es schon ein gutes Wort im richtigen Moment, ein Händedruck oder einfach ein Lächeln, geschenkt jemandem der kein Lächeln mehr hat, das einen Schatz eröffnet der reicher ist als alle Reichtümer der Welt.
Wir alle sollten die hässliche Madonna in unser Leben einlassen und von ihr lernen!



Text und Bilder: Markus Zinnecker, 2016


Wer die hässliche Madonna selbst besuchen möchte, der findet sie hier:

GPS-Koordinaten: 49°00'03.8"N 12°02'37.2"E


 


Samstag, 12. November 2016

Mädchen und Drache

An den lauen Sommerabenden saßen oft die Alten der Stadt in den Torwegen und auf den niedrigen Fenstersimsen der Stadt. Dann erzählten sie jedem, der begehrte sie zu hören, die alten Legenden und Sagen. Besonders oft wurde die Sage vom Mädchen und dem Drachen erzählt. Für sie war die Stadt berühmt und manche Fremden nahmen sogar die beschwerliche Reise auf sich, nur um den Schauplatz der Erzählung aus uralter Zeit zu besuchen.
Einer der dies getan hat, ist der Verfasser dieser Zeilen. Viele Wochen wanderte ich auf den nicht ungefährlichen Straßen des südlichen Königreiches, nur um den Ort zu erreichen an dem vor uralter Zeit geschehen sein soll, was ich nachfolgend niederschreiben werde. Ich tue dies nicht, um mit den Gefahren zu prahlen, die ich auf der Reise überstanden habe. Dies steht mir nicht zu, denn es ist vor allem der Verdienst meines treuen, schnellen Pferdes und unerwartet erschienener Helfer, dass ich heut auf der Kaminbank in meiner Schreibstube sitzen und die Feder über das Pergament wandern lassen kann. Die Niederschrift dieser Sage soll vor allem dazu dienen, dass sich hinfort niemand mehr den Gefahren aussetzen muss, denen ich teils nur knapp entronnen bin. Dies ist sie also, die Sage vom Mädchen und dem Drachen.

Der Wächter stand, wie es seit uralter Zeit Brauch war, im Wehrgang der Stadtmauer und spähte hinaus ins Land. Unweit der Mauer schlängelte sich der Fluss durch die grünen Auen und über die Furt, direkt gegenüber dem Stadttor, kam gerade ein Fuhrwerk. Der Kaufmann, der zusammen mit dem Fuhrknecht auf dem Bock saß, wollte wohl als Erster auf dem Markt sein, denn noch hatte der Hahn nicht gekräht und die Tore der Stadt waren verschlossen. Auch dies war uralter Brauch, vom Sonnenuntergang bis zum ersten Schrei des Hahnes blieben die mächtigen Portale in der Wehrmauer verschlossen. Keinem Feind sollte es gelingen, sich im Schutze der Dunkelheit, in die Stadt zu schleichen.
Mit der Sonne im Rücken hatte der Beobachter auf der Mauer einen guten Blick auf das Land. Die Wälder lagen ruhig da, nur in der Ferne stieg eine dünne Rauchsäule auf, wohl der Meiler eines Köhlers, der so früh am Morgen schon bei der Arbeit war. Das Fuhrwerk hatte die Furt erfolgreich durchquert, und näherte sich jetzt der Stadt. Der Wächter umfasste den Griff seines Schwertes und beugte sich etwas nach vorne, um besser sehen zu können, wer die Männer auf dem schweren Wagen waren. Der Fuhrknecht war in einen dunklen Mantel gehüllt und trug eine Lederhaube, es war nicht möglich ihn zu erkennen. Der Kaufmann jedoch, in seinem blauen Samtgewand, dessen vergoldete Knöpfe in der Morgensonne funkelten, war leicht zu erkennen. Es war der alte Isidor, der Tuchhändler dessen Geschäft in der Gasse hinter dem Rathaus lag und der mit seinen Handelsreisen soviel Geld verdient hatte, dass er weder Könige, noch Fürsten oder den Papst zu fürchten hatte. Sie alle schuldeten ihm genug Geld, um sich von ihm regelmäßig erpressen zu lassen. Unweigerlich schlich sich ein leises Lächeln auf das Gesicht des Wächters. Isidor war ein schlauer Fuchs, ein gewiefter Geschäftsmann und weit gereist. Er hatte die Seidenstraße und die goldenen Dächer des Orient mit eigenen Augen gesehen, war am Hofe des Maharadscha gewesen und in jenem fernen Ostlande, in dem die Menschen gelbe Haut und mandelförmige Augen hatten. Dennoch, er galt als freigiebig und gerecht, ein gottesfürchtiger Mann, der keinen Armen von seiner Tür wies, wenn dieser ihn um ein Stück Brot bat. Isidor war in der Stadt sehr beliebt und wurde oft zurate gezogen, wenn ein besonders schwieriger Fall zu verhandeln war. Er hatte jedoch auch seine Fehler, unter anderem galt er als notorischer Langschläfer und Spätaufsteher. Umso mehr verwunderte es den Wächter, ihn zu dieser frühen Stunde auf dem Kutschbock eines Ochsenwagens auf die Stadt zufahren zu sehen. Die Neugierde des Hüters der Stadt war geweckt und er trat von den Zinnen zurück und rief durch das Loch im Boden des Wehrganges, dass die Leiter enthielt und als Aufstieg diente hinab: „Heda, Kamerad. Isidor kommt mit seinem Wagen, öffne das Tor, auch wenn es noch nicht die rechte Stunde ist!“ Mit dumpfem Knarren setzten sich die Torflügel in Bewegung und gaben den Weg frei. Wieder beugte sich der Wächter über die Zinnen und sah gerade noch, wie der Wagen im Torweg verschwand. Kurz darauf hörte er das Tor wieder in seinen Angeln ächzen und den Riegel pochen.

Der Kommandant der Wache hatte ebenfalls gehört, dass sich das Tor bewegt hatte. „Viel zu früh, mal nachsehen, was da los ist ...“ Mit diesem Gedanken verlies er die Wachstube und trat in den Torweg. Dort stand das Fuhrwerk des Kaufmannes, dieser und sein Fuhrknecht waren abgestiegen. Der Knecht stand neben den beiden Zugochsen und schien den Tieren leise zuzureden, während sein Herr mit dem Torwächter unterhielt. Sofort fiel dem Kommandanten auf, dass die Augen der Zugtiere blutunterlaufen waren, vor den Mäulern der Rinder stand weißer Schaum und das Fell der mächtigen Tiere troff vor Schweiß. Das die Kleidung des Fuhrknechtes abgetragen und schmutzig war verwunderte ihn nicht weiter, das war beim Beruf des Mannes normal, doch auch der Anzug seines Herren war in Unordnung und schmutzig, ja der Saum des blauen Samtgewandes schien von Feuer geschwärzt zu sein, als habe man das wertvolle Kleidungsstück durch ein Lagerfeuer geschleift. Auch der Wagen trug die Spuren eines Feuers, Teile des Aufbaus und der Plane waren verkohlt.
„… wenn ich dir doch sage, ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen! Riesig, mit geiferndem Maul und Hörnern! Wie der Teufel selbst!“ Der Torwächter wollte zu einer ungläubigen Erwiderung ansetzen, bemerkte jedoch seinen Vorgesetzten und verstummte, um diesem die Gelegenheit zu geben zu sprechen. „Herr Isidor, was ist euch wiederfahren?“ Mit vor Aufregung bebender Stimme antwortete der Kaufmann: „Herr Kommandant, ich hoffe, dass ihr mir glauben werdet, was euer einfacher Untergebener hier in Zweifel zieht. Doch auch wenn ihr der ungläubige Thomas in Person sein solltet: Was ich zu erzählen habe, ist die Wahrheit. Gott sei mein Zeuge!“ Der Kommandant legte dem Kaufmann die Hand auf die Schulter: „Herr, ihr seid aufgebracht und ermüdet. Schon darum glaube ich euch, dass euch Schreckliches widerfahren sein muss. Folgt mir in die Wachstube, trinkt einen Becher Wasser und sagt mir dann, was geschehen ist.“ Isidors Gesicht hellte sich angesichts der freundlichen Einladung etwas auf und wortlos folgte er dem obersten Wächter.

In der Wachstube sank der alte Kaufmann auf eine Holzbank und fuhr sich mit dem Handrücken über das mit Schweiß und Staub verschmierte Gesicht. Mit dankbarem Nicken nahm er den hölzernen Becher, den der Kommandant mit Wasser aus einem Krug gefüllt hatte. Einige Minuten saßen die beiden ungleichen Männer schweigend nebeneinander auf der Bank, dann begann der Kaufmann mit seinem Bericht:
Wie ihr sicherlich wisst, war letzte Woche der große Gewürzmarkt in der Residenzstadt unseres geliebten Königs. Wie jedes Jahr habe ich den Markt besucht, um dort Waren feilzubieten und einige alte Geschäftspartner zu treffen, um mit ihnen zu handeln. Dieses Jahr hatte ich großen Erfolg und meine Geldkatze ist reich gefüllt, denn alle Waren wurden zu guten Preisen verkauft. Zusammen mit meinem Fuhrknecht, ich glaube, ihr kennt Jakob, war ich also recht frohen Mutes auf der Rückreise und wir gerieten auch in keinen Hinterhalt und uns widerfuhr auch sonst kein Unglück. Gestern Abend waren wir eine halbe Tagesreise von der Stadt entfernt, oben auf der großen Lichtung im Wald, und beschlossen dort zu übernachten. Es war eine herrliche, mondklare Nacht und die Vögel des Waldes sangen in den Bäumen. Ich bin ein alter Mann und kann oft nicht schlafen, so auch in dieser Nacht. Ich saß also neben dem Feuer und lauschte auf die Melodien der Schöpfung, als es plötzlich still wurde. Das leise Rascheln kleiner Tiere, der Gesang der Nachtvögel, ja gar das Rauschen des Windes in den Baumkronen, waren verstummt. Ich sah mich um, doch konnten meine Augen die Dunkelheit nicht durchdringen. Dann wurde ich eines Geräuschs gewahr, das ich noch nie gehört habe, ein Fauchen und ein Schnauben, ähnlich dem eines wütenden Pferdes, nur viel lauter und dumpfer. Dazu ein Geräusch von Flügelschlagen, wie das der Fledermäuse die nachts den alten Burgturm umkreisen, abermals jedoch viel lauter. Dann war es wieder totenstill. Ich glaubte schon, dass mir meine alten Sinne einen Streich spielen, doch dann vernahm ich ein entsetzliches Wiehern. Es war unser Packpferd, das hinter dem Wagen hergelaufen war und jetzt auf der Waldwiese graste. Noch nie habe ich ein Pferd so wiehern hören, es klang fast wie der Schreckensschrei eines Menschen. Entsetzt riss ich ein brennendes Scheit aus dem Lagerfeuer und ging hinter den Wagen, um nachzusehen, was los sei. Ich hatte den Wagen noch nicht umrundet, als das Pferd wieder wieherte, doch diesmal verstummte das Geräusch schlagartig und ich vernahm ein markerschütterndes Krachen. Als würde ein Baum umstürzen. So schnell mich meine Füße trugen, lief ich zum Ort des Geschehens und mir bot sich ein grauenvoller Anblick. Das Pferd lag in einem See aus Blut, sein Kopf vom Rumpf gerissen. Dort wo sich sein Bauch befunden hatte, war nur noch ein Loch, aus dem stinkende Eingeweide hingen. Das Fleisch fehlte. Keine Kreatur, sei es noch der schrecklichste Löwe, vermag ein Pferd derart zu verletzten! Ich dachte, es sei der Leibhaftige selbst gewesen, doch dann sah ich im Schein des Feuerscheits einen gewaltigen, gepanzerten Leib.
Starr vor Schrecken und Furcht war ich nicht gewahr geworden, dass Jakob hinter mich getreten war. Er rief, aus was ich dachte: „Herr, ein Drachen!“ Sein Ruf löste mich aus der Schreckenstarre und wir rannten zum Wagen. Aus Furcht vor Dieben hatten wir die Rinder nicht abgespannt, das sollte uns jetzt retten. Jakob brauchte die Tiere nicht antreiben, die Furcht vor dem höllischen Untier trieb sie an. Der Drachen verfolgte uns mit rasendem Schritt, spie Feuer nach uns und verbrannte einen Teil des Wagens und meiner Kleidung. Glücklicherweise standen die Bäume am Wegesrand bald zu eng und er konnte uns nicht mehr folgen.“
Wenn es nicht ihr wärt, Herr Isidor, so würde ich diese Geschichte als Geschwätz abtun. Doch euch glaube ich. Ich muss den Rat informieren! Ruht euch hier aus, solange ihr wollt und geht dann nach Hause.“ Der Kommandant warf sich seinen Mantel über die Schultern und verlies die Wachstube. Inzwischen waren die Tore geöffnet worden und die Straßen der Stadt füllten sich mit Menschen. Im Vorbeigehen befahl er dem Fuhrknecht Isidors den Wagen zu dessen Haus zu fahren, dann lenkte er seine Schritte zum Rathaus.

Auf dem Platz vor dem Rathaus waren mehrere Männer damit beschäftigt, ein hölzernes Podest zu errichten. Es war Markttag und es saß ein Verbrecher im Kerker, der heute vor möglichst großem Publikum bestraft werden sollte. Ohne die Bauarbeiten weiter zu beachten, trat der Kommandeur durch das große Portal ins Rathaus und ging direkt zum Kanzleizimmer des Bürgermeisters. Dieser diktierte gerade seinem Sekretär einen Brief, als der oberste Wächter den Raum betrat. „Was führt euch so früh am Morgen zu mir, Kommandant?“ Die Stimme des Bürgermeisters war weich und sanft, sie stand damit in heftigem Kontrast zum robusten Äußeren des Mannes. Der Kommandant verneigte sich knapp und begann dann zu berichten, was Isidor ihm erzählt hatte. Mit unbewegter Mine hatte ihm der Bürgermeister zugehört, begann dann aber schallend zu lachen: „Ich glaube, man hat euch vortrefflich verulkt mein lieber Kommandant. Ein Drachen soll sich in den Wäldern herumtreiben, Pferde anfallen und Kaufleute versengen? Hat man so etwas schon einmal gehört? Ammenmärchen und Trug eines listigen, alten Handelsmannes, der sich interessant machen und so sein Geschäft beleben will. Mehr ist das nicht!“ „Erlaubt mir dennoch, ein paar Männer nach der Lichtung zu schicken, damit sie sich die Spuren ansehen und mir Bericht erstatten mögen.“ „Tut das, Kommandant. Ihr werdet sehen, außer einem Lagerplatz und dem Gerippe eines alten Kleppers, der von Wölfen gerissen wurde, werden sie nichts finden.“
Als er das Rathaus verlies, war der Befehlshaber der Wachen nicht davon überzeugt, dass der Bürgermeister recht hatte. Insgeheim hoffte er es, doch andererseits: Isidor hatte noch nie zuvor zu solchen Mitteln gegriffen, um Werbung für sein Geschäft zu machen. Möglich, dass andere Kaufleute dies taten, doch der Alte war bisher immer bei der Wahrheit geblieben.

Während der Wachkommandant darüber grübelte, was er von diesen Vorgängen halten sollte, machte sich Isidor auf den Weg nach Hause. Bevor er seine Erlebnisse vor den Rat brachte, wollte er sich etwas ausruhen und intakte Kleidung anlegen. Beim Verlassen der Wachstube bemerkte er, dass sein Fuhrknecht mitsamt dem Gespann verschwunden war. Offenbar hatte er sich schon auf den Weg nach Hause gemacht. Dem Kaufmann war das nur recht, der Weg zu seinem Haus war nicht weit und der Spaziergang dorthin würde ihm helfen, seine Gedanken zu ordnen. Inzwischen stand die Sonne bereits hoch genug, um die Straßen und Gassen der Stadt zu erleuchten. Händler öffneten ihre Geschäfte und Handwerker begannen ihr Tagwerk. Eine Atmosphäre friedlicher Geschäftigkeit lag über der Stadt und bewirkte, dass das Erlebte auch auf Isidor merkwürdig fremd und unglaubwürdig wirkte. Solche Gedanken beschäftigten ihn, als er sein Haus erreichte. Jakob stand neben dem Wagen und half zwei Gehilfen des Kaufmannes die Waren abzuladen. Isidor nickte den Männern kurz zu und ging dann durch das breite Tor in den Innenhof. Zufrieden stellte er fest, das der Leiter seines Kontors bereits damit begonnen hatte die neuen Waren in das große Handelsbuch einzutragen. Es sah so aus, als ginge alles seinen geordneten Gang und er konnte sich beruhigt in seine Wohnung zurückziehen.
Zur gleichen Zeit als Isidor sich in seiner Wohnung entspannte, hatte der Wachkommandant seine besten Männer versammelt und erklärte ihnen ihren Auftrag. Sie würden so schnell wie möglich zur Lichtung marschieren und sich dort umsehen, sollte es an diesem Ort wirklich einen Drachen geben, so müssten sie die Bürger der Stadt so schnell wie möglich warnen. Damit niemand in Gefahr geriet, sollten zudem die Wachen an den Toren alle Reisenden warnen, den Wald zu durchqueren, den Drachen dabei jedoch auf keinen Fall erwähnen.

Der Mann auf den Zinnen des Torturms wusste, wohin sich der kleine Trupp Bewaffneter aufmachte, der soeben die Stadt verlassen hatte. Seltsam, bisher hatte er nicht an die alten Geschichten von Drachen und anderen Untieren geglaubt und eigentlich tat er es auch jetzt nicht, aber so ganz wohl war ihm doch nicht, als er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Horizont richtete. Ähnliche Gedanken gingen auch den Männern durch den Kopf, die ihrem Vorgesetzten folgten. In einer langen Reihe marschierten die Gewappneten auf den Wald zu. Für Rindergespanne und Fußgänger waren es einige Stunden Wegstrecke bis an den Saum des Holzes, doch die Sorge über den Bericht des Kaufmannes veranlasste den Kommandanten dazu, seine Leute zu besonderer Eile anzutreiben. Harter Drill und regelmäßige Übungen zahlten sich jetzt aus, in erstaunlich kurzer Zeit gelangte der Trupp an die Stelle, an der die Straße zwischen den Bäumen verschwand. In der freien Landschaft war der Weg mit groben Steinplatten befestigt, hier jedoch bestand er nur aus einer festgetretenen Mischung von Sand und feinem Kies. Die Räder ungezählter Fuhrwerke hatten tiefe Spuren hinterlassen, es war nicht leicht auf diesem Weg zu gehen.
Eine seltsame, irgendwie drückende Stimmung lag über dem Wald, als würden sich die Bäume angsterfüllt zusammenrotten. Merkwürdigerweise war kein Laut zu hören, kein Windrauschen in den Baumkronen und kein Vogelgesang. War der Wald schon unter normalen Umständen unheimlich, so wirkte er jetzt auch auf die harten Gesellen des Wachtrupps beängstigend. Vorsichtig spähten die Männer nach allen Seiten und schlossen die Fäuste fester um die Griffe ihrer Schwerter. Doch auch die schaurige Atmosphäre des finsteren Waldes konnte sie nicht aufhalten, mit festen Schritten drangen sie, so schnell es der schlechte Weg erlaubte, weiter in den Wald ein. Niemand sprach ein Wort und selbst das Geräusch der genagelten Stiefelsohlen auf dem Weg wirkte gedämpft. Auch wenn es den Männern wie eine Ewigkeit vorkam, so dauerte es doch nur eine kurze Zeitspanne, bis sie die Lichtung erreichten. Aus einem Grund, den kein Mensch kannte, war hier inmitten des Waldes eine Fläche ohne Baumbewuchs entstanden. Saftiges Gras bedeckte den Boden und eine kleine Gruppe von mannshohen Felsblöcken bot einen idealen, geschützten Lagerplatz. Darum war die Lichtung bei Reisenden beliebt, die eine letzte Rast vor der Stadt einlegen wollten. Der Anblick, der sich den Wächtern darbot, war jedoch ein wenig einladender. Am südlichen Rand der Lichtung lagen mehrere umgestürzte Bäume, ihre Stämme waren abgeknickt, als seien es Streichhölzer. Neben den Felsen lagen die Überreste von Isidors Pferd. Wie es der Kaufmann beschrieben hatte, war der Kopf des Tieres abgetrennt worden, sein Bauch war aufgerissen und die Eingeweide lagen verstreut umher. Es ging ein bestialischer Gestank vom Kadaver aus, der Kommandant musste ich richtgehend überwinden, sich der zerfetzten Tierleiche zu nähern.

Was dem erfahrenen Kämpfer, der schon viele in der Schlacht niedergemachte und von Raubtieren gerissene Pferde gesehen hatte, sofort klar war: Kein Mensch und kein Raubtier, kein Bär und auch kein Wolf, waren in der Lage ein Pferd auf diese Weise zu töten. Was hier geschehen war, war das Werk einer Kreatur von unglaublicher Kraft und unglaublichen Ausmaßen. Der Kopf des Pferdes war nicht abgebissen oder abgeschnitten worden, er war, zusammen mit einem großen Stück der Wirbelsäule, aus dem Pferdekörper herausgerissen und dann weggeschleudert worden. Die riesige Bauchwunde des Tieres war das Ergebnis eines einzigen Bisses und nicht eines wilden Aufreißens, wie es ein Rudel Wölfe getan hätte.
Kommandant, komm und sieh!“ Die Stimme eines der Wächter riss den Kommandeur aus seinen Gedanken. Er blickte sich um und sah, dass zwei Männern über etwas gebeugt standen, etwa zwanzig Schritte, vom Kopf des Pferdes entfernt. Eilends lief er dorthin. Was die Männer gefunden hatten, war ein Fußabdruck, in einer schlammigen Stelle hatte sich eine Fährte erhalten. Es musste ein riesiger, dreizehiger Fuß gewesen sein, ähnlich dem eines Huhnes, nur ungleich größer. Ein Wächter maß die Spur mit seiner Hand, fast zehn Spannen in der Länge und sechs in der Breite. Keiner der Männer sagte ein Wort, dies war der Beweis: ein Drachen!
Wenige Minuten nach ihrer Entdeckung eilten die Wächter bereits zurück zur Stadt. So schnell sie dazu in der Lage waren, liefen sie die Straße entlang, um die Bürger zu warnen. Entgegen allen Erwartungen hatte sich der Bericht des Kaufmannes als wahr erwiesen. Auch der ungläubigste der Männer war jetzt davon überzeugt, dass ein Drachen sein Unwesen trieb. Wie würde man dem Untier Herr werden können? Einen solchen Feind zu bekämpfen, das überstieg die Vorstellungskraft der Kämpen.

Als die Männer am Horizont die Türme der Stadt und das Bollwerk der Wehrmauer erkennen konnten, blieben sie außer Atem stehen. Der normalerweise so friedliche Ausblick über das weite hügelige Land wurde durch schwarze Rauchschwaden getrübt, die über den Zinnen hingen. Wie angewurzelt blieb der Kommandant, der seinen Männer vorausgeeilt war, stehen. Dies geschah so abrupt, dass der nachfolgende Wächter fast mit ihm zusammengestoßen wäre. Einige Sekunden überblickten die Männer die Szene, dann konnten sie die Quelle der Rauchschwaden ausmachen: Das Torhaus mit der Wachstube stand in Flammen, auf den Wehrgängen links und rechts davon waren Armbrustschützen in Stellung gegangen und eine Gruppe von Pikenieren kauerte am Rand des Wehrgrabens vor der Mauer. Ein kurzer Blick des Kommandanten genügte und die Männer liefen wieder los. Als ihre Kameraden sie erblickten, schienen diese sie zunächst für Feinde zu halten, als sie jedoch erkannten, wer gelaufen kam, winkten und riefen sie freudig. Einer der Pikeniere gab dem Torwächter ein Zeichen und dieser öffnete das Stadttor. Ohne auf die Männer in Stellung zu achten, spurtete der Kommandant durch den Torbogen. Er erkannte seinen Stellvertreter, der zusammen mit einem Ratsherrn in der Nähe stand und die Löscharbeiten am Torhaus beobachtete. „Was ist los? Was ist hier geschehen?“ Vom Laufen außer Atem brachte der Kommandant kaum diese knappen Fragen heraus. Vorn übergebeugt, die Hände auf die Knie gestützt, blieb er stehen und rang nach Luft.
Kommandant, der Drachen, es gibt ihn wirklich.“ Die Stimme des stellvertretenden Kommandanten überschlug sich fast. „Er kam so schnell, dass wir kaum reagieren konnten, sprang auf die Mauer und zündete das Torhaus an. Fast hätte er noch andere Gebäude in Brand gesteckt, aber den Armbrustschützen und Arkebusieren gelang es ihn abzuwehren. Der Preis dafür war jedoch schrecklich, zwanzig Tote.“ „Wann ist dies geschehen?“ „Vor einer Stunde.“ Der Ratsherr, der bislang stumm neben den beiden Soldaten gestanden hatte, wollte noch etwas hinzufügen, wurde jedoch beim ersten Wort von einem lauten Alarmruf unterbrochen. Alle Blicke richteten sich auf den Urheber des Rufes, einen Pikenier, der auf dem Wehrgang der Mauer stand. Sekundenbruchteile später sahen alle einen gewaltigen Schatten über der Mauer. Mit mächtigen Flügelschlägen kreiste der Drachen über der Stadt, ein Regen aus Armbrustgeschossen schwirrte ihm entgegen, prallte jedoch weitgehend nutzlos an seiner schuppigen Haut ab. Das Untier stieß einen kehligen Schrei aus und stürzte sich dann auf ein Haus nieder. Entsetzen erfasste den Wachkommandanten, als ein Feuerball aus den Nüstern der Kreatur schlug und in den Dachstuhl des Hauses fuhr. Sofort standen Schindeln, Stroh und Balken lichterloh in Flammen. Der Drachen beachtete sein Verwüstungswerk nicht weiter und verschwand am Horizont. Von irgendwo hörte man rufen: „Das Haus der Wollwirkergilde brennt. Schnell, helft löschen!“

Was von den Männern am Torhaus keiner wusste, ja nicht wissen konnte, war das sich zum Zeitpunkt des Angriffes nur eine einzige Person im Haus der Wollwirkergilde aufgehalten hatte. Es war die Tochter des Gildenmeisters. Ihr Vater hatte ihr den Auftrag erteilt, im Haus nach dem Rechten zu sehen und den großen Saal für die Versammlung der Gilde am Abend vorzubereiten. Das bestialische Geschrei des Drachen und das Rauschen seiner Schwingen hatte sie zunächst vor Schreck starr werden lassen, doch als sie der Hitze des Feuers gewahr wurde, rannte sie aus dem Haus und überquerte den kleinen Platz davor. Erst auf der anderen Seite, in den gemauerten Torweg eines Kaufmannshauses geduckt, wagte sie es sich umzudrehen. Sie sah gerade noch, wie der Drachen am Horizont verschwand und wie die ersten Dachbalken des lichterloh brennenden Gildenhauses niederstürzten. Von panischem Schrecken erfasst rannte sie wieder los, ohne festes Ziel, einfach nur weg. Die herbeieilenden Männer, die versuchten das Feuer zu löschen oder wenigstens einzudämmen bemerkte sie nicht mehr. Wie von Sinnen rannte sie, stieß einen alten Mann zur Seite und wäre fast von einem, ebenfalls in Panik vor dem Drachen fliehenden, Pferd an eine Hausmauer gequetscht worden. In letzter Sekunde wich sie dem rasenden Tier aus und duckte sich in einen schmalen Torweg. Das mächtige Eichenportal war reich mit heiligen Symbolen verziert. Beim Anblick dieser Symbole klärten sich ihre Sinne wieder etwas, sie wusste jetzt, dass sie vor der Pforte des Konvents der heiligen Männer war. Schon mehr als einmal hatten die Mönche mit ihrem Friedenswerk, das selbst dem grimmigsten Feind Respekt abnötigte, die Bürger der Stadt vor Belagerung, Brandschatzung und Plünderung bewahrt. Die Tochter des Gildenmeisters wusste das und hoffte jetzt Schutz bei den heiligen Brüdern zu finden. Mit beiden Fäusten trommelte sie gegen das Tor, bis es unter ihrem Ansturm nachzugeben schien.



Natürlich hatte nicht das Jahrhunderte alte Eichenholz nachgegeben, sondern ein Mönch, der kaum jünger als das Tor zu sein schien, hatte es geöffnet. Die junge Frau bestürmte jetzt den Ordensmann und redete schnell und wirr auf ihn ein. Dieser sah sie verwirrt an und brachte sie, mit sanftem aber doch festem Griff, dazu sich auf eine Bank neben der Klosterpforte zu setzen. Mit ruhiger Stimme sagte der Mönch zu ihr: „Mädchen was ist los? Die Stadt ist in Aufruhr und etwas hat dich furchtbar erschreckt. Beruhige dich, hier bist du sicher. Komm zu Atem und dann erzähle mir, was geschehen ist.“ Dankbar sah sie ihn an und, nachdem einige Minuten des Schweigens vergangen waren, verspürte sie wie etwas der Ruhe des Heiligen auf sie übergegangen war. Ruhig und geordnet erzählte sie dem Mönch, was sie wusste. Vom Kaufmann Isidor und dem Angriff des Drachens auf die Stadt bis zu ihrer panischen Flucht aus dem brennenden Gildenhaus. Wieder verging eine Zeit des Schweigens, bis der Ordensmann antwortete: „Der Drachen, der die Stadt bedroht, ist die Habgier und die Hartherzigkeit der Menschen. Er kann nicht mit Schwertern und Lanzen oder Armbrüsten und Arkebusen, bekämpft werden. Er wird die Stadt weiter verwüsten, bis sie vernichtet ist und ihre Bewohner in alle Winde zerstreut sind.“ Zwar sprach der Mönch mit weicher, sanfter Stimme, doch aus seinen Augen sprach eine tiefe Traurigkeit. Erschreckt frage sie ihn: „Aber es muss doch eine Waffe geben, die den Drachen zu besiegen vermag?“ Der Mönch sah sie an, lächelte und wollte ihr antworten, als ein donnerndes Geräusch zu hören war. Ohne sichtbare Eile erhob sich der Ordensmann und ging auf die Quelle des Geräuschs zu. Verwirrt folge die Tochter des Gildenmeisters ihm. Der Gang, in dem sie sich bisher aufgehalten hatten, endete in einem offenen Lichthof. Umgeben von den schattigen Arkaden des Kreuzganges plätscherte ein kleiner Springbrunnen und spendete einem wunderschön angelegten Blumengarten frisches Wasser. Der idyllische Frieden wurde jedoch durch die Anwesenheit einer diabolischen Kreatur gestört. Ursache des Donnerns war eine große Anzahl Dachschindeln gewesen, die zusammen mit Teilen eines Schornsteins in den Lichthof gestürzt waren. Der Drachen saß auf dem Dach des Kreuzganges und starrte hinab in den Blumengarten, in dem sich zwei weitere Mönche befanden. Beide trugen den gleichen schwarzen Habit wie der Pförtner, einer hatte jedoch einen großen, hölzernen Rosenkranz mit einem geschnitzten Kreuz an seinem Gürtel hängen. Der Pförtner und seine junge Begleiterin blieben unter dem Kreuzgang stehen und beobachteten die Szene. Langsam bewegte sich der Drachen auf den Rand des Daches zu, sich dabei den beiden Brüdern im Garten immer weiter nähernd. Weitere Dachschindeln rieselten dabei hernieder, doch der eigentlich zu erwartende Angriff des Drachens bleib aus. Der Mönch mit dem Rosenkranz, niemand Geringeres als der Abt des Klosters, trat sogar noch einige Schritte auf die Bestie zu und kam ihr zuletzt so nahe, dass er seinen rechten Arm ausstrecken und auf den Kopf des Untiers legen konnte. Kaum berührte die Handfläche des Heiligen die schuppige Kopfhaut der Kreatur, da zuckte der Drachen zusammen, als würde ihm die Berührung entsetzliche Schmerzen bereiten. Mit einem gellenden, markerschütternden Schrei riss er sich vom Mönch los und mit einigen mächtigen Schlägen seiner fledermausartigen Schwingen erhob er sich in die Luft und verschwand.
Dies ist die Waffe, die den Drachen besiegen kann.“ Die Stimme des Pförtners wirkte unnatürlich laut, als sie die entstandene Stille durchschnitt. Der Abt drehte sich zu ihm um und bemerkte die Besucherin an seiner Seite. Mit einem leisen Lächeln auf den Lippen trat der oberste der Mönche auf sie zu und legte ihr segnend die Hände auf den Kopf. „Du hast jetzt das Rüstzeug um die Stadt vor dem Untier zu bewahren. Gehe hinaus und tue deine Pflicht.“ Sie wich zurück und sah den Abt entsetzt an: „Wie meint ihr das?“ Wieder lächelte der Ordensmann und antwortete mit seiner seltsam weichen und zugleich festen Stimme: „Die Waffe, die mein Bruder meinte, ist Liebe, Sanftmut und Vergebung. Wessen Herz damit erfüllt ist, der kann den Drachen überwinden. Es ist nicht an mir dieses Werk zu vollenden, sondern an dir. Aber schärfe den Bürgern der Stadt auch ein, dass der Drache den sie mit ihrer Habgier, ihrer Hartherzigkeit und ihrem Hass beschworen haben, zurückkehren wird, wenn sie auf ihre alten Pfade zurückkehren.“

Vor der Klosterpforte blieb die junge Frau erst einen Moment stehen. Zu unwirklich erschien ihr nun, was sie hinter den jahrtausendalten Mauern des Konvents erlebt hatte. Doch dann machte sie sich auf den Weg, zurück durch die Gassen, die sie zuletzt in planloser Flucht durcheilt hatte, zum Platz vor dem Gildenhaus. Fast die gesamte Bürgerschaft hatte sich dort versammelt und stand schweigend um eine Gruppe Männer in edler Kleidung. Eilend bahnte sie sich einen Weg durch die Menge und sah dann ihren Vater zusammen mit dem Bürgermeister und den Ratsherren. Der Bürgermeister sprach leise mit ihrem Vater, als sie sich an den Ratsherren vorbeidrängte, um direkt dem Bürgermeister zu berichten, was sie erlebt hatte. Dies blieb ihr jedoch zunächst verwehrt, denn der Gildenmeister stieß beim Anblick seiner Tochter einen Freudenschrei aus und drückte sie an sich. „Meine Tochter, meine Tochter. Die ich schon verloren glaubte!“ Tränen flossen über das Gesicht des robust gebauten Mannes, dem man ansah, dass er seinen Reichtum mit schwerer Arbeit verdient hatte. „Als wir dich nicht fanden, dachten wir du seist im Brand umgekommen. Welch eine Freude das ich dich wiederhabe!“ Mühsam entwand sie sich der Umarmung ihres Vaters und rief mit lauter Stimme: „Ihr Bürger und Herren der Stadt, hört mich an! Wie ihr seht, bin ich nicht im Brand umgekommen. Als der Drache angriff floh ich in wilder Panik zu den Mönchen und was ich dort sah, ist der Schlüssel zur Rettung der Stadt.“ Sie sah zu einer Gruppe Soldaten, die sich zusammen mit dem Wachkommandanten am Rand des Platzes aufhielt, hinüber und rief ihnen zu „Ihr Wächter, ihr schützt die Stadt vor allem Bösen, doch gegen den Drachen sind eure Waffen aus Eisen und Holz, das Pulver eurer Rohre und die Kraft eurer Arme wertlos. Die Mönche gaben mir die Waffe in die Hand, die den Drachen vernichten kann. Befreit euer Herz von allem Übel. Vergesst eure Fehden, euren Hass und euren Neid. Vergesst eure Habsucht und eure Gier, es ist ohnehin genug für alle da. Verzeiht euren Feinden und schließt Frieden untereinander. Dann kann der Drachen, den ihr mit eurem bösen Wandel selbst beschworen habt, euch nichts mehr tun.“
Betroffenes Schweigen lag über der Versammlung, es schien, als hätten die Worte der jungen Frau alle tief ins Herz getroffen. Der Erste, der das Schweigen brach war, ihr Vater, der Gildenmeister. Er rief aus: „Matthäus der Tuchhändler, wo bist du?“ Eine raue Stimme aus der Menge antwortete ihm: „Hier!“ Der Gildenmeister ging auf den alten Tuchhändler zu. Alle Bewohner der Stadt wussten, dass der Gildenmeister der Wollwirker und der reiche Tuchhändler seit langer Zeit erbitterte Feinde waren. Was jetzt geschah, war umso erstaunlicher. Der Gildenmeister trat vor seinen Erzfeind und reichte ihm die Hand: „Matthäus verzeih mir dreißig Jahre Streit und Missgunst. Wir wollen in Zukunft zusammenarbeiten, zum wohl Aller.“ Die wässrigen Augen des Kaufmannes sahen den Gildenmeister verwundert an doch dann ergriff er die ihm gereichte Hand und antwortete: „Johannes, verzeih mir das ich dich damals um die zwanzig Ellen Tuch betrogen habe. Dieses Geschäft war verflucht, es hat mir nur Verlust eingebracht.“ Die Versöhnung der beiden alten Feinde schlug wie eine Welle durch die Stadt, überall sah man plötzlich Menschen einander die Hand reichen oder sich gar umarmen. Trotz der Rauchschwaden, die aus den verkohlten Trümmern des Gildenhauses aufstiegen, trotz der Bewaffneten auf den Mauern und trotz der Angst vor dem Drachen lag eine Stimmung von Freude und Frieden über der Stadt. Selbst die ältesten Bürger konnten sich nicht erinnern, dass sie jemals etwas Derartiges erlebt hätten.

Die Wirkung des ungeheuren Geschehens lies alle Anwesenden verstummen. Niemand konnte sich der, nahezu magischen Wirkung der Worte der jungen Frau und der Versöhnungsszene entziehen. Alle begriffen, dass niemand ohne Schuld war und niemand behaupten konnte nie jemandem unrecht getan zu haben. Über den Straßen und Plätzen der Stadt lag an diesem Tag nicht nur der schwere Rauch der Feuer, sondern auch das Lachen und die Freude über die Versöhnung vieler alter Feinde. Fast hatten die Bewohner der Stadt die Bedrohung durch den Drachen vergessen, als sie der Ruf des Wächters aufschreckte: „Der Drachen! Er greift wieder an!“ Schon wollten einige zu ihren Waffen greifen, doch die helle aber laute Stimme der Tochter des Gildenmeisters hielt sie davon ab: „Denkt an meine Worte! Auch dem Drachen gegenüber dürft ihr keinen Hass verspüren! Er ist die Inkarnation eurer dunklen Gefühle!“ Die Wachsoldaten sahen ihren Kommandanten, der neben der jungen Frau stand, fragen an. Dieser atmete tief durch und fasste seinen gesamten Mut zusammen, denn er vertraute dem Mädchen. Mit einer ausladenden Geste hob er sein Schwert hoch über den Kopf und lies es dann scheppernd aufs Pflaster fallen. Diese Geste ihres Vorgesetzten lies auch die anderen Soldaten ihre Waffen weglegen.

Derweil kreiste das Untier über dem Platz und beobachtete die Menschen. Jeder rechnete damit, dass der Drachen jeden Moment herniederfahren und sich auf seine Opfer stürzen oder ein weiteres Haus in Brand stecken würde. Doch die Flügelschläge der Kreatur wirkten merkwürdig zögerlich und anstatt sich auf ein Ziel zu stürzen, lies das diabolische Wesen sich ganz sanft auf dem First des Rathausturms nieder. „Los begleite mich!“ Noch bevor dieser begriff was geschah, hatte die Tochter des Gildenmeisters die Hand des Wachkommandanten ergriffen und zog ihn mit sich, der Turmpforte entgegen. Sie stieß das eisenbeschlagene Portal auf und rannte die Stufen hinauf, bis zur Plattform im obersten Geschoss des Turmes. Eine schmale Tür führte vom düsteren Treppenhaus auf die Plattform und der Riesenleib des Drachen hob sich bedrohlich gegen das Sonnenlicht ab, als die beiden Unbewaffneten auf die Plattform hinaustraten. Wie von Sinnen bewegte sich die junge Frau auf das Untier zu und blieb so nahe wie möglich vor ihm stehen. Der Kommandant rechnete damit, dass sich der Drachen jeden Moment auf sie stürzen würde. Er empfand keinen Hass auf das Untier oder Furcht vor seinen mörderischen Kräften und seinem Feuerodem, nur liebevolle Sorge um das Wohlergehen des Mädchens. Sie stand einige Minuten still da, sah dem Ungeheuer in die kalten, schlitzartigen Reptilienaugen und rief dann aus: „Hinfort mit dir! Missgunst und Hass, Neid und Gewinnsucht, Feindschaft und Tücke sind deine Nahrung! Sie alle haben in dieser Stadt kein Heim mehr! Hinfort mit dir Drachen!“

Was dann geschah, wurde von allen Zeugen als Wunder beschworen: Mit einem kehligen Schrei erhob sich die dämonische Kreatur in die Lüfte und verschwand. Nie ward sie wieder über den Zinnen der alten Stadt gesehen, deren Bewohner von diesem Tag an in Frieden und Freundschaft lebten.




Markus Zinnecker, 2016