Sonntag, 31. Juli 2016

die Legende von C'Lin



Wenn Raumfahrer Geschichten erzählen, dann kommt es immer wieder vor, dass einer von ihnen in Richtung des Orion sieht und bemerkt: „Diese Sterne haben schon Dinge gesehen, die kein Mensch begreifen kann.“ Denn hinter den Planetenbögen im Bild des Orion begann einst das Sternenreich der Kol. Gebaut auf den Strahlenkränzen der Kometen und gefestigt mit der Energie aus zehntausend Singularitäten. Die Imperatoren von Kol regierten ein Reich, das heute, Äonen nach seinem Untergang, nur noch wie das Produkt wilder Fantasien erscheint, aber doch einst real war. Xenoarchäologen fanden, auf entlegenen Monden und toten Planetoiden die Spuren jener unvorstellbar alten Zeit und sind in der Lage zu beweisen, dass die Legenden mehr sind als nur Geschichten aus einer verklärten Epoche. Eine dieser Legenden ist die von C’Lin, die ihre Feinde mit Weisheit und Güte überwand.

Als Imperatorin der Kol regierte C’Lin die Weise für fast vierzig Rotationen. Kein Kol und kein Außenweltler, der das Imperium besuchte, hatte jemals ein Wesen von solcher Anmut und Weisheit gesehen. Die Kol verehrten ihre Herrscherin ebenso, wie die Feinde des Imperiums sie fürchteten.
Einst war das Kolimperium unangreifbar gewesen, kein Feind hatte es gewagt die legendären Herrscher herauszufordern. Doch nun war eine neue Macht erwachsen, ein Volk in einem fernen Winkel des oberen galaktischen Drittels hatte vor kurzem die Raumfahrt entdeckt. Niemand wusste genau, wie es ihnen gelungen war, in weniger als zehn Generationen von primitiven, chemischen Raketen, die kaum die Umlaufbahn des eigenen Planeten erreichen konnten zur Beherrschung des überlichtschnellen Raumflugs zu kommen. C’Lin hörte mit großer Sorge die Berichte des Erkundungstrupps, der mit einem getarnten Schiff die Vorgänge im Heimatsystem der Fremden beobachtet hatte. Offenbar hatte das Volk seine aggressive Natur nicht abgelegt, nur weil ihre Technologie zu völlig neuen Höhen aufgestiegen war. Vielmehr waren jene Leute Krieger geblieben, von planetengebundenen, ihre eigenen Schwestern und Brüder abschlachtenden Primitivlingen, hatten sie sich zu hoch entwickelten, aber gefährlichen Raumfahrern verwandelt. Durch die Entwicklung des Hyperraumantriebs, waren sie in der Lage gewesen zwei benachbarte, friedliche Völker, von deren bloßer Existenz sie nur eine Generation zuvor nicht einmal wussten, zu unterwerfen. Ein weiteres Volk, die primitiven Gusoks von Theta-Irindi-Vier, hatten sie sogar einfach ausgelöscht um ihren Planeten besiedeln zu können.

C’Lins Gesichtsaudruck war wie immer schwer zu deuten, aber ihre Vertrauten wussten das sie sich große Sorgen machte. Das Imperium war militärisch schwach, stets hatten sich die Kol auf ihren legendären Ruf und die Macht des Friedens verlassen. In den letzten Zeiteinheiten war es zu mehreren Zusammenstößen mit dem neuen Feind gekommen. Niemand wusste genau was geschehen war, denn es gab keine Überlebenden. Nur die Berichte von Scoutdrohnen, die Bilder von vernichteten Raumschiffflotten übermittelt hatten. Die Entscheidung der Herrscherin war, auch für ihre engsten Vertrauten, eine Überraschung: „Ich habe beschlossen, den Herrscher jenes Volkes aufzusuchen das unsere Schwestern und Brüder bedroht.“ Einer ihrer Berater wollte etwas erwidern, doch sie schnitt ihm mit einem stummen Befehl das Wort ab, bevor er auch nur eine Silbe sagen konnte.
Nachdem C’Lin den Thronsaal in der Sternenhalle verlassen hatte, waren ihre Berater und Vertrauten in hektische Aktivität ausgebrochen. Jeder Wunsch der Imperatorin war ein unabdingbarer Befehl, ob man die Idee für gut hielt oder nicht, was C’Lin wünschte musste Realität werden. So kam es, dass nur wenige Zeiteinheiten später ein Kreuzer den Orbit um die Heimatwelt verlies und sich bereit machte in den Hyperraum einzutauchen. Auf dem Kommandodeck des Schiffs stand C’Lin und sah durch die Aussichtsfenster auf ihre Heimatwelt herab.

Wie ein unvorstellbar wertvoller Edelstein auf einem Kissen aus schwarzem Samt schwebte die türkisfarbene Kugel im Raum. Nur wenige Wolken bedeckten den Himmel und der Blick auf den planetaren Riesenozean der Wasserwelt war frei. Noch war der Kreuzer tief genug um einen Schwarm Himmelswale erkennen zu können. Die titanischen Körper der fliegenden Giganten schwebten als grauer Schatten durch die unglaublich dichte Atmosphäre des Planeten. Die riesigen Kreaturen lebten vom überreichen Sauerstoff des Planeten und dem Licht der zwei Zentralgestirne des Systems. Sie waren friedvoll und intelligent, ebenso wie die meisten anderen Spezies des Planeten, einschließlich der höchstentwickelten, den Kol. Es schien als würde sich er Planet zur Seite neigen und verschwinden, als der Raumkreuzer aus dem Orbit ausschwenkte. Mit rasender Geschwindigkeit wurde der türkisfarbene Planet immer kleiner und die Herrscherin der Kol drehte sich um. Ihr Blick ruhte jetzt auf dem vorderen Aussichtsfenster. In einem Moment waren noch die fernen Sterne zu sehen, dann verschwand das sichtbare Universum in tiefer Dunkelheit. Der Kreuzer war in den Hyperraum eingetreten und raste, eingehüllt in eine Blase aus verzerrter Raumzeit, seinem unvorstellbar weit entfernten Ziel zu. 

C’Lin staunte, als sie sah wie schön die Heimatwelt der Fremdem war. Der Planet ähnelte ihrer eigenen Heimat, nur das er von dunklem Blau und tiefem Grün beherrscht wurde. Es gab keinen Riesenozean, sondern mehrere kleine Meere, die von kontinentalen Landmassen unterbrochen wurden. Die Atmosphäre des Planeten war dünn und mit weißen Wolken durchsetzt, die im Licht des einsamen Zentralgestirns zu leuchten schienen. Die Begrüßung die den Besuchern aus einer fernen Welt zuteil geworden war, stand im krassen Kontrast zur Schönheit des Planeten. Ohne Vorwarnung hatte ein Geschwader aus kleinen Kriegsschiffen den Zerstörer angegriffen. Der Kapitän wollte das Feuer erwidern, doch die Imperatorin hatte es ihm verboten. Höchstpersönlich befahl sie der Besatzung, die Entermannschaften der Fremden an Bord zu lassen und sich kampflos zu ergeben. 

So verging nur wenig Zeit, bis eine Gruppe aus Fremden, vermutlich Offizieren, das Kommandodeck stürmte. Der Anführer erkannte sofort, welch hochrangiger Fang ihm geglückt war und er befahl seinen Leuten die Imperatorin festzunehmen. Das zufriedene Grinsen in seinem Gesicht hielt noch immer an, als er einige Zeiteinheiten später, zusammen mit seiner Gefangenen beim Herrscher des fremden Volkes vorgelassen wurde. Im Thronsaal des feindlichen Oberhauptes war es düster, an den Wänden hingen historische Waffen und eine Gruppe grimmig aussehender Leibwächter umstand den Thron. Barsch fragte der oberste Krieger: „Was willst du hier?“ C’Lin sah ihm ins Gesicht und beantwortete seine Frage mit ruhiger Stimme und nur einem Wort: „Frieden.“ Der Kriegerherrscher lachte und erwiderte: „Frieden kannst du haben, wenn der letzte von eurem Volk sich ergeben hat. Jetzt wo ich dich als Faustpfand habe, wird niemand wagen mich anzugreifen.“ „Das mag sein, aber auch ohne mich wäre dies nicht geschehen. Mein Volk ist friedlich, unsere Macht beruht nicht auf Waffengewalt.“ „Macht stützt sich immer auf Gewalt. Wie soll sie sich sonst durchsetzen?“ Der Herrscher des Kriegervolkes schien keine Antwort auf diese Frage zu erwarten, denn er bedeutete einem Wächter die Gefangene fortzubringen. Doch die Imperatorin sah ihrem Widersacher ins Gesicht und antwortete: „Es gibt eine Macht, die über jeder Gewalt steht. Die mächtiger ist als alles andere und deren sanfte aber doch unwiderstehliche Kraft jedes Hindernis zu überwinden vermag: die Liebe. Sie ist die Essenz des wahren Friedens.“ Verächtlich schnaubend befahl der Kriegsfürst dem Wächter die Gefangene ins sicherste Gefängnis zu bringen und gut zu bewachen. 

In der folgenden Nacht lag der Kriegerherrscher auf seinem Lager und starrte an die kahle Decke seines Schlafgemachs. Es waren die Worte der Imperatorin, sanft und freundlich vorgetragen, ohne jede Angst in der Stimme und doch so durchdringend und treffsicher wie ein Laserstrahl. Es waren Worte, die ihn nicht mehr losließen und ihn auf seinem Lager ruhelos machten. Neben dem Thronsaal gab es eine große Terrasse, auf diese trat der Ruhelose und sah über die nächtliche Stadt unterhalb des Palastes. Nach kurzer Zeit rief er den Wächter im Thronsaal zu sich und befahl ihm: „Schaff mir die Imperatorin her.“ In jener Nacht befragte er sie und sie erläuterte ihm wie man ein Friedensreich führte. Wie die sanfte und doch unwiderstehliche Macht von Liebe, Freundschaft und Vertrauen alles überwindet und sich auch vor der brutalsten Gewalt nicht zu scheuen braucht, einfach weil sie stärker und mächtiger ist als diese. Niemand wusste was ihn dazu bewegte diese Lehren anzunehmen und den Krieg gegen die Kol zu beenden, aber es folgte die Vereinigung der Mächte und ein neues, größeres Imperium entstand aus dem Zusammenschluss der beiden einst verfeindeten Mächte. 

All dies fand vor vielen tausend Rotationen statt und niemand weiß noch, warum die Kol letztlich doch verschwanden. Manche behaupten, dass sie ihre Aufgabe in diesem Universum beendet hätten und sich in ein anders begeben hätten, doch auch dies ist nur eine Legende. Ihr Friedensreich und die weise Imperatorin C‘Lin leben in den Legenden jedoch weiter. 



Markus Zinnecker, 2016

Freitag, 29. Juli 2016

Newmans-World

Eine Welt versinkt im Chaos von Terror und Hass. Das Bild ist seltsam aktuell, heute und auch in der fernen Zukunft des Urmanov-Universums. Genau wie die Erkenntnis, dass aus Hass nur neuer Hass, aus Hass Krieg und aus Krieg das Verderben aller erwächst.

***

Der Hyperraum, ein merkwürdiger Ort ohne Substanz, ohne Dimension. Länge, Breite, Höhe, Zeit, Geschwindigkeit, alles Begriffe, die an diesem Ort keinerlei Bedeutung haben. Ein gesetzloser Ort, an dem die Regelwerke der Physik scheinbar keine Gültigkeit besitzen. Ein Raumschiff, das sich aus den geordneten und den Menschen scheinbare Sicherheit gewährenden Gefilden des Einsteinkontinuums hierher begibt, trägt seine Passagiere in kürzester Zeit von einem Ort zum Andere, ohne sich dabei auch nur einen Millimeter vom Fleck zu bewegen. Sprungantrieb, ein lächerlich simpler Name für eine Maschine, die das vermag, was eigentlich den Göttern vorbehalten sein sollte: Das ewige Kontinuum von Raum und Zeit zu zerreißen und zu verbiegen, ja die Essenz des Universum selbst so zu verformen, dass sie den Wünschen von lächerlich schwachen Wesen gehorchte. 
 
Kapitän Urmanov diente seit einem Menschenalter in der Raumflotte, er hatte unzählige Hyperraumsprünge erlebt und dennoch war dieses Wunder der Wissenschaft für ihn nie zu einer alltäglichen Selbstverständlichkeit geworden. So saß er auch diesmal an der Kommandostation auf der Brücke der Ural und sah hinaus in die absolute, sternenlose Schwärze, welche seine SS Ural umgab, während wiedereinmal das magische Werk einer interstellaren Raumreise vollzogen wurde. 
 
Der aktuelle Auftrag, mit dem die Ural unterwegs war, wurde von den meisten Besatzungsmitgliedern als angenehm empfunden. Sie waren unterwegs zu einer kleinen Raumkolonie im Sirius-Cluster. Newmans-World, eine der am weitesten entfernten Kolonien der Menschheit, weit außerhalb der Grenzen der Union. In den 3250er Jahren war die Kolonie von einer unabhängigen Raumexpedition gegründet worden. Innerhalb von weniger als einhundert Jahren war aus einer kleinen Ansiedlung eine blühende Oase geworden. Newmans-World, benannt nach dem Anführer der ersten Siedlergruppe, war der vierte von neun Planeten eines blauen Zwerges. Der für seine Klasse ungewöhnlich helle und warme Stern und die angenehmen Umweltbedingungen des Planeten hatten viele Siedle der so genannten zweiten Welle angezogen. An Bord der Ural befanden sich landwirtschaftliche Maschinen und Nahrungsergänzungsmittel, die von den Kolonisten nicht selbst hergestellt werden konnten. 
 
„Kapitän, wir erreichen Newmans-World in einigen Minuten. Leite Absprungsequenz ein.“ 
 
Die ruhige Stimme des Steuermannes weckte den Kommandanten aus seiner Grübelei. Einer alten Gewohnheit nachgebend stand er auf und trat hinter den Rudergänger.

„Sehr gut. Wenn wir aus dem Sprungtor raus sind, nehmen sie Kurs auf die Raumstation.“ 
 
„Verstanden Herr Kapitän.“

Wohltuende Routine. Urmanov atmete tief durch und sah aus dem großen Aussichtsfenster der Brücke. Ohne Vorwarnung, aber auch ohne irgend ein Geräusch oder einen spürbaren Effekt verschwand die Dunkelheit des Hyperraumes und wurde schlagartig durch das helle, bläuliche Licht des Zentralsterns ersetzt. Im sanften Licht der kleinen Sonne leuchtete der vierte Planet und die Hüllen einiger kleinerer Raumfahrzeuge, die in der Nähe des Absprungtores unterwegs waren glitzerten. 
 
Von der Funkstation, im hinteren Teil der Brücke, erklang eine erstaunte Stimme:

„Oh, was für ein schönes System.“ 
 
Urmanov lächelte. Der Funker war ein junger Matrose auf seiner ersten Raumreise, ein grüner Bursche, der noch mit kindlicher Freude über die Wunder des Universums staunen konnte. 
 
„Warten sie ab bis sie den Planeten aus der Nähe sehen. Er ist nicht von ungefähr eines der beliebtesten Urlaubsziele für gestresste Manager aus der Union. Doch jetzt melden sie uns an, die Raumfahrtkontrolle wartet sicher schon ungeduldig.“

„Ja Herr Kapitän!“

Leise klickende Tasten und das summen der Funkstation zeigten an, dass sich der Funker sofort an die Ausführung des Befehls machte. Der Kapitän sah derweil weiterhin aus dem Fenster und beobachtete, wie sich sein Schiff, geführt von den geschickten Händen des Steuermannes, langsam der Raumstation näherte, die den vierten Planeten in hohem Orbit umkreiste. Wie alle Tiefenraumfrachter konnte auch die Ural nicht auf einem Planeten landen, sie musste im All bleiben und ihre Fracht an Raumstationen oder mit Hilfe kleinerer Einheiten löschen.

„Raumfahrtkontrolle, hier spricht die SS Ural, erbitte Anflugkorridor zur Raumstation.“

„SS Ural, hier Raumfahrtkontrolle. Bleiben sie auf Kurs und nähern sie sich der Station auf zwei AE mit halbem Schub. Dann stoppen sie ihre Maschinen und warten auf weitere Anweisungen.“

„Verstanden Raumfahrtkontrolle. Ural Ende.“

Urmanov spürte wie sich eine seltsame Spannung über die Brückenbesatzung legte. Üblicherweise erhielten Frachter wie die Ural eine Korridorfreigabe und mussten nicht in Warteposition gehen. Sehr seltsam, irgendetwas stimmte nicht. 
 
Einige Minuten später hatte das Schiff die angegebene Position erreicht und der Steuermann brachte es in einer relativen Position zum Stillstand. Natürlich ist es für ein Raumschiff im Grunde unmöglich anzuhalten, denn jedes Objekt im Universum bewegt sich ständig mit unvorstellbarer Geschwindigkeit durch den Raum. Jeder Mond umkreist seinen Mutterplaneten, jeder Planet seine Sonne und jede Sonne umkreist, im Schwarm mit all ihren Schwestergestirnen, den Galaktischen Kern. Die Galaxien selbst rasen durch die unendliche Leere des intergalaktischen Raums und das Universum selbst dehnt sich immer weiter aus. Doch für die Besatzung der Ural wirkte es in diesem Moment, als habe ihr treues Schiff angehalten. Weder der Zentralstern des Systems noch die in Sichtweite liegenden Planeten bewegten sich, denn die Kunst des Steuermannes hielt den nach menschlichen Maßstäben riesigen Metallleib der Ural in einer relativen Ruheposition. Doch diese Ruhe sollte nur von kurzer Dauer sein, denn kaum eine Minute nach der Ankunft an der Warteposition tauchten zwei Kontakte auf dem Sensorenbildschirm auf und kurze Zeit später waren die beiden Raumjäger durch die Panoramascheiben des Brückendecks klar zu erkennen. Einer der Jäger begann die Ural zu umkreisen, während das zweite Schiff sich dem Frachter bis auf wenige hundert Meter näherte. Für den Piloten des kleinen Kampfschiffs musste es wirken, als habe man eine Wand aus Rumpfplatten im All errichtet. Dennoch, der träge und unbewaffnete Frachter wäre im Kampf eine leichte Beute gewesen. Dem Kampfpiloten lag jedoch nichts ferner als die Waffen seines Schiffs zu aktivieren, ganz im Gegenteil. Auf dem Funkbildschirm der Ural erschien das Gesicht des Mannes, als dieser einen Kommunikationskanal öffnete.

„SS Ural, hier Raumpatrouille von Planet Newman. Ihre Angaben scheinen in Ordnung zu sein, bitte nähern sie sich der Raumstation an. Sie haben Anflugerlaubnis. Die Station wird sich wegen einer Andockerlaubnis melden.“

Urmanov und sein erster Offizier, Sergeant Mayers, wechselten einen verwirrten Blick. Sowohl der Kommandant als auch die Frau mit den auffallenden orangen Haaren hatten etwas Derartiges in einem friedlichen System wie Newmans-World noch nie erlebt.

Einige Stunden später, das Löschen der Fracht war in vollem Gange und Urmanov kam sich, wie immer wenn sein Schiff an einer Raumbasis angedockt war, reichlich nutzlos vor, wanderte der Kommandant der Ural durch die Gänge der Raumstation. Neben ihm ging ein älterer, untersetzter Mann her, der einen eng anliegenden, grünlich schimmernden Anzug trug. Dem Kommandanten der Raumbasis. Die beiden Männer unterhielten sich seit einiger Zeit angeregt und endlich kam das Thema zur Sprache, das den Kapitän bereits seit der Ankunft im System beschäftigte.

„Entschuldigen sie bitte den etwas frostigen Empfang Kapitän. Leider hatten wir in letzter Zeit einige Schwierigkeiten und müssen daher besonders vorsichtig sein. Wir versuchen zwar, die Belästigung für unsere Gäste so gering wie möglich zu halten, aber manche haben leider kein Verständnis für unsere Situation.“

Urmanov war stehen geblieben und sah aus dem Panoramafenster des Promenadendecks hinaus. Den Blick immer noch ins All gerichtet antwortete er:

„Was ist den los?“

„Leider wurden wir in den letzten Monaten mehrmals von Piraten angegriffen. Vor etwa einem Jahr hat es einen spektakulären Unfall auf einen Konvoi von Minenschiffen, draußen im Asteroidengürtel, gegeben. Dabei wurde ein Pirat gefangen genommen und auf dem Planeten inhaftiert. Bedauerlicherweise hat er sich das Leben genommen bevor alles für einem Prozess bereit war. Die verbliebenen Piraten haben daraufhin Rache geschworen und terrorisieren jetzt die Bevölkerung. Erst vor zwei Tagen wurde ein Passagierschiff von einer mit Sprengstoff präparierten Frachtdrohne zerstört. Dabei hat es über einhundert Tote gegeben.“

„Was tun sie gegen das Piratenproblem?“ 
 
„Nun, wir versuchen uns so gut es geht zu schützen. Passagierschiffe werden von Jägern eskortiert und alle Einrichtungen überwacht. Im System ankommende Schiffe werden abgefangen und ihre Identität überprüft, das kennen sie ja aus eigener Erfahrung.“

„Kennen sie die Basis der Piraten? Kann man sie nicht wirksamer bekämpfen?“ 
 
Ein seltsamer, trauriger Gesichtsausdruck legte sich auf das Gesicht des Stationskommandanten. Er sah, genau wie Urmanov, aus dem Fenster und seufzte bevor er antwortete:

„Ja, wir wissen wo die Piraten herkommen. Ihre Basis ist ein entlegener Planet in einem unabhängigen System. Eine der so genannten wilden Kolonien. Eine Ansiedlung von Glücksrittern und Abenteurern die dort, außerhalb der Union, versuchen sich ein Leben aufzubauen. Wir haben diese Informationen an die Unionsmarine weitergeleitet und dummerweise hat die Admiralität dies als Aufforderung zu einem Vergeltungsschlag angesehen. Es war schrecklich! Zwei Kreuzer haben den Planeten bombardiert, zwanzigtausend Tote, die meisten Zivilisten. Die Piraten hat das nicht aufgehalten, nur uns eine schreckliche Schuld auferlegt.“

Urmanov, der im Krieg gegen die Dworzianer gesehen hatte, welch schreckliche Verwüstungen ein orbitales Bombardement anrichtete, schauderte. Bevor er etwas erwidern konnte, sprach der Kommandeur mit stockender Stimme weiter.

„In diesem Moment haben wir uns auf die gleiche Ebene herab begeben wie die Terroristen. Wir haben unschuldige ermordet und unsägliches Leid über die Bevölkerung gebracht. Die Marine ist glücklicherweise wieder abgezogen und wir versuchen jetzt zu helfen wo wir können. Newmans-World ist selbst eine arme Kolonie, aber wir haben genug um denen zu helfen, die durch unsere Schuld noch weniger haben. Wir dürfen nicht auch in blinder Rache versinken, sondern müssen hoffen, dass unsere Güte den Feinden zeigt, auf welch falschem Weg sie sind. Hassen ist leicht, man verfällt zu einfach auf diesen Weg. Doch die Wurzel dessen ist letztendlich nur die Angst, die diese Verbrecher zu schüren versuchen. Wenn wir uns von ihnen fürchten, dann haben sie gewonnen und ihr Ziel erreicht. Das darf nicht geschehen.“

Urmanov starrte wieder aus dem Fenster. Draußen herrschte reger Flugverkehr. Einige kleinere Frachter umkreisten die Station, umschwirrt von einer Vielzahl winzigster Raumfahrzeuge. Meist nur für eine oder zwei Personen gebrauchte Einheiten, die zwischen der Station und größeren Raumschiffen oder dem Planeten pendelten. Vor der großartigen Kulisse des Planeten, mit seinen tiefblauen Meeren und den merkwürdig ockerfarbenen Landmassen, die ihre Farbe von der vorherrschenden Pflanzenart, einer Art riesigem Nadelbaum mit braunen Nadeln, hatten. Ein wunderschöner Planet, ein Versprechen des Geheimnisses des Lebens und des Friedens, eingebettet in ein lebensfeindliches und unfriedliches Universum. Die Gedanken des Kapitäns wanderten zu all den Orten, an denen er auf seinen Reisen Unrecht erlebt hatte und er verstand, dass die Bewohner von Newmans-World auf dem richtigen Weg waren. Auf einem schwierigen und gefährlichen, aber lohnenden Weg der Güte und der Liebe.
Ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein, legte Urmanov seine Hand auf die Schulter des Stationskommandanten und sah dem älteren Mann in die Augen. Dieser spürte, dass der Kapitän ihn verstanden hatte und ihm zustimmte. Ein wohliges Gefühl, nicht allein zu sein. 




Markus Zinnecker, 2016
 

Mittwoch, 27. Juli 2016

Der weise Häuptling

Langsam legten sich die Farben des Herbstes über die Wälder und die Tage begannen kürzer, die Nächte kälter zu werden. Die Indianer vom großen Fluss bereiteten sich auf den Winter vor. Die Krieger jagten jetzt mehr als im Sommer, man wollte Dörrfleisch herstellen und für den Winter einlagern. Einige Frauen besserten die Zelte aus, während andere anfingen, die dicken Wolldecken zu reinigen oder Beeren zu trocknen.
Häuptling Schwarze Krähe saß vor seinem Zelt am Feuer und beobachtete seine Leute bei der Arbeit. Sein Haar war einst schwarz gewesen wie das Gefieder des Vogels, der sein Totem zierte, doch viele Winter in den Bergen hatten es so weiß wie den ewigen Schnee auf den Gipfeln der Felsenberge werden lassen. Er war einst ein berühmter Krieger gewesen, doch noch berühmter als seine Fähigkeiten im Kampf waren seine Weisheit und seine Liebe zum Frieden. An allen Feuern rühmte man den weisen Häuptling vom großen Fluss und seine Weitsicht hatte seinem Stamm ein gutes Leben gebracht. Sogar mit den weißen Siedlern, die einige Stunden Wegstrecke weiter flussabwärts eine Stadt errichtet hatten, lebten die Indianer in Frieden.

Einige Kinder saßen ebenfalls um ein Feuer und unterhielten sich. Sie diskutierten und stritten sich harmlos. Sie hatten einige ältere Krieger belauscht, die sich über den Häuptling unterhalten hatten. Sie hatten den alten Mann weise genannt und die Kinder rätselten, was dieses Wort bedeutete. Schließlich fasste sich einer der Jungen ein Herz und ging hinüber zum Häuptling. Geradeheraus, wie es die Art der Indianer war, frage er den alten Mann: „Schwarze Krähe, sag mir, was Weisheit ist.“ Schwarze Krähe sah den Jungen mit seinen sanften Augen an und lächelte. Mit einem Handzeichen gab er ihm zu verstehen, dass er sich setzen solle. Als der Junge sich ihm gegenüber auf den Boden gesetzt hatte, begann der Alte zu sprechen:
„Vor vielen Monden geschah etwas Schreckliches. Ein junger Krieger hatte sich eine Squaw genommen und die beiden waren sehr glücklich miteinander. Es dauerte nicht lange und beide verbrachten ihren ersten Winter gemeinsam in ihrem neuen Zelt. Im Frühjahr kam ein Kind zur Welt. Es war ein Mädchen und sie nannten sie Schwarze Ente, denn ihr Haar war schwarz wie die Nacht und ihre Haut so zart wie die Federn der Enten. Das Mädchen wuchs heran und als es seinen sechsten Sommer sah begleitete es die Mutter zum ersten Mal in die Wälder. Dort begegneten die beiden einem Berglöwen. Der Löwe griff die Mutter und das Kind an, töte die Tochter und verletzte die Mutter schwer. Als sie nicht rechtzeitig ins Lager zurückkamen, suchten die Krieger sie. Als sie die beiden fanden, war in der Mutter gerade noch genug Leben, um ihnen zu erzählen, was geschehen war.
Der junge Krieger aber verfolgte die Spuren des Löwen und tötete ihn. Er zog ihm das Fell ab und brachte es zurück ins Dorf, dort verbrannte man es auf dem Grab von Mutter und Tochter. Nach uraltem Brauch war ihr Tod gerächt und die Seele des Löwen würde für alle Ewigkeit ziellos über die Prärien wandern. Doch der junge Krieger verschwand in der Wildnis, viele Monde wanderte auch er ziellos umher und versuchte die Dunkelheit aus seinem Herzen zu vertreiben. Vor dem Winter kehrte er zurück, zu seinem Stamm, doch die Trauer wollte nicht aus ihm weichen. Mit der Zeit wuchsen aus der Trauer Hass, Neid und Missgunst. Sie machten ihn hart und stark, aber auch kalt gegen seine Brüder. Er wurde zu einem gefürchteten Krieger und seine Taten werden noch heute an den Feuern besungen, doch sein Herz war kalt und leer. Er glaubte, dass alle Menschen glücklich seien und nur er mit dem Schmerz und der Trauer leben müsse. Irgendwann sprach er mit dem Medizinmann darüber. Dieser war ein verständiger und erfahrener Mann und sagte zu ihm, er solle durch das Lager gehen und in jedem Zelt, in dem er kein Leid fände, solle er sich eine Pfeilspitze erbeten. Diese Pfeilspitzen sollte er dann zum Medizinmann bringen.
Der Krieger ging von Zelt zu Zelt, jedem Krieger, jeder Squaw und jedem Kind erzählte er seine Geschichte. Doch keiner gab ihm eine Pfeilspitze, den sie alle trugen ein Leid in sich. An diesem Tag lernte er, was Weisheit ist.“

Der Junge hatte wie gebannt dem Häuptling zugehört. Dieser sah jetzt in seine Augen und erkannte, dass das Kind ihn verstanden hatte. Einige Minuten saßen beide schweigend da, dann frage der Junge: „Was ist aus dem Krieger geworden?“ Wieder lächelte der Häuptling und beugte sich nach vorne. Er nahm eine der Ketten ab, die um seinen Hals hingen, und legte sie dem Jungen an. Es war eine Kette aus den Krallen eines Berglöwen.


Text: Markus Zinnecker, 2014

Donnerstag, 21. Juli 2016

Sandra und der Tod

Am Rand des Waldes stand ein kleines Haus. Dort wohnte Sandra mit ihrer Familie. Sandra war, darüber waren sich alle die sie kannten einig, ein ganz besonders fröhliches und aufgewecktes Kind. Nur ganz selten war sie traurig, aber trotzdem wusste sie was Traurigkeit ist. Daher wusste sie auch, dass die seltsame Gestalt, die sie eines Tages auf einem Baumstamm im Wald sitzen sah, traurig war. Zusammengesunken, das Gesicht in den Händen vergraben, saß sie da. Eine große, hagere Erscheinung in einem langen schwarzen Mantel mit Kapuze. Als wäre diese Bekleidung nicht schon merkwürdig genug gewesen, war neben der traurig dahockenden Gestalt ein seltsamer, altmodischer Gegenstand an den Baumstamm gelehnt. Eine lange, ebenfalls vollkommen schwarze, Sense. Sandra beobachtete den Fremden einige Zeit lang und hörte sein fernes, leises Schluchzen. Sie überlegte, warum er denn dort säße und leise weine, doch ihr fiel kein vernünftiger Grund dafür ein. Darum fasste sie sich ein Herz und ging langsam auf die Gestalt im schwarzen Mantel zu. Einige Meter vor dem Fremden blieb sie stehen und sagte, so leise und sanft es ihr möglich war: „Entschuldigung. Warum weinen Sie?“

Der Fremde hob seinen, von der Kapuze bedeckten, Kopf und sah Sandra ins Gesicht. Der Anblick des Gesichtes, das es zu sehen bekam, ließ das Mädchen vor Schreck erstarren. Mit weit aufgerissenen, angsterfüllten Augen sah sie in leere Augenhöhlen und auf das bleiche Grinsen eines Totenschädels. Sie hatte schon Bilder von Menschenskeletten gesehen, doch dass jetzt eines vor ihr saß und scheinbar ausgesprochen lebendig war, schockierte sie zu tiefst. Umso überraschter war Sandra, als sie die überraschend sanfte, weiche Stimme des gruseligen Fremden hörte: „Ich weine, weil die Menschen mich fürchten. Sie haben große Angst vor mir und verstehen nicht, dass ich Teil ihres Lebens bin. Für manche bin ich gar ein lange ersehnter Freund, den zu treffen sie sich sehr wünschen. Ich kenne jeden Menschen und ich besuche jeden, irgendwann. Auch dich kleine Sandra und du siehst, auch du hast Angst vor mir, obwohl dazu kein Grund besteht.“ Langsam sank der Totenschädel unter der Kapuze wieder auf die Hände, die in schwarzen Handschuhen steckten und das Gesicht erneut verbargen. Sandras Angst war plötzlich wie weggeblasen. Der Fremde mochte schaurig aussehen, aber offenbar war er freundlich! Außerdem kannte er sogar ihren Namen, woher wohl? Sie atmete tief durch und trat mutig einen Schritt vor: „Haben sie einen Namen?“ Wieder hob sich das Schädelgesicht und der Fremde sah Sandra einige Sekunden an bevor er antwortete: „Ich habe viele Namen. Die alten Ägypter riefen mich Nauti, in Asien gab man mir den Namen Yama und die Griechen nannten mich Thanatos. Heute kennt man mich im Allgemeinen als Tod.“ Sandra starrte den Tod an. Es fiel ihr schwer die Worte des schaurigen, gleichzeitig so sanft und freundlich wirkenden Wesens zu fassen.

Es legte sich ein Moment des Schweigens über Sandra und den Tod, dann sagte das Mädchen: „Meine Oma ist letztes Jahr gestorben. Da hat Onkel Hubert gesagt, sie habe der Sensenmann abgeholt und weggebracht. Stimmt das? Waren sie das?“ Der Tod nickte. „Ja kleine Sandra, das war ich. Deine Oma war alt und krank, wie du ja weißt. Sie gehörte zu den Menschen, die sich über mein Kommen gefreut haben. Sie wusste, dass ich sie hinüberbringe, an einen Ort an dem es keine Schmerzen, keine Krankheit und kein Alter mehr gibt. An dem es auch mich nicht gibt.“ „Wann kommen sie zu einem Menschen?“ Sandras Frage wurde von unterdrückten Tränen begleitet. „Das weiß niemand, auch ich nicht. Wenn es an der Zeit ist, dann erscheine ich einfach, geführt von unverständlichen Kräften.“ „Aber nicht alle Menschen sterben wenn sie alt und krank sind, manche sterben auch wenn sie jung und gesund sind, so wie die Mama von Christian aus der Schule.“ Der Tod senkte den Kopf als er antwortete: „Ja, das ist wahr. Ich hasse es, wenn ich bei solchen Menschen erscheine, denn dann bringe ich oft großes Leid über ihre Familien. Ebenso hasse ich es, wenn ich auf den Schlachtfeldern der Kriege erscheinen und das unvorstellbare Leid ansehen muss, dass die Menschen einander aus Dummheit und Unverständnis zufügen.“ „Und weil sie auch so etwas tun müssen, halten die Menschen sie für böse? Deshalb fürchten sie sich vor ihnen?“ Sandra sah dem Tod ins Gesicht und fand ihn nicht mehr beängstigend, nicht einmal mehr schaurig, er tat ihr einfach nur leid. Der Totenschädel mit der Kapuze nickte als er antwortete: „Ja, so ist es kleine Sandra.“

Sandra setzte sich neben den Tod auf den Baumstamm und legte ihre Hand auf die Schulter der Gestalt. Durch den schweren Stoff des Mantels fühlte sie die Skelettschulter leicht zittern. In den Bäumen um sie herum sangen Vögel und ein Eichhörnchen hockte, einige Meter entfernt, auf einem Baumstumpf und beobachtete das merkwürdige Paar neugierig. Nach einiger Zeit fragte das Mädchen den Tod: „Was passiert mit den Menschen, nachdem sie ihnen erschienen sind?“ Der Tod sah Sandra ins Gesicht und schien plötzlich gar nicht mehr traurig zu sein: „Es gibt einen Ort jenseits dieser Welt, dort ist es wunderschön. Es gibt dort nur Licht und Liebe, niemand leidet, niemand stirbt und niemand ist traurig. In diese unbeschreiblich schöne Welt bringe ich diese Menschen. Mir selbst ist der Zutritt dort versagt und wenn eines Tages diese Welt zu existieren aufhört, dann werde ich ebenfalls aufhören zu existieren, aber das macht nichts, denn meine Aufgabe wird dann erfüllt sein.“ Sandra sah den Tod wieder an und antwortete: „Das klingt irgendwie schön, ich würde diesen Ort gerne auch einmal sehen.“ Der Tod nahm sie in die Arme und Sandra schmiegte sich vertrauensvoll an die schwarze Gestalt, sie hatte keine Angst, kein bisschen Furcht war übrig geblieben. Sie spürte die Wärme des schweren Stoffes des Mantels und fühlte sich sicher und geborgen. Wie aus weiter Ferne hörte sie die sanfte Stimme des Todes: „Ja kleine Sandra, das wirst du. Sehr bald sogar.“ Lächelnd schlief das Mädchen in den Armen des Todes ein. Ihr irdischer Körper sollte niemals wieder erwachen, nur ihre Seele erhob sich zu lichten, ewigen Weiten. Der Tod stand am Rand der Ewigkeit und sah ihr noch eine Weile nach.


Text: Markus Zinnecker, 2016
Bild: Incry, 2012 (GNU-Lizenz)
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Death_drawing_plain.jpg?uselang=de

 

Mittwoch, 13. Juli 2016

Kurzgeschichte: Pannenengel



Ein glühend heißer Sommertag, die Hitze lässt die Luft über dem Asphalt der Landstraße flimmern und kaum ein Lüftchen regt sich um den erhitzten Reisenden zu kühlen. Selbst der Fahrtwind, der den Fahrer auf seinem alten Moped umweht, erweckt den Eindruck direkt aus einem Hochofen zu kommen. Kaum verwunderlich, dass der Motor des kleinen Fahrzeugs irgendwann anfängt zu stottern und schließlich völlig verstummt. Glücklicherweise stehen einige Bäume am Straßenrand und spenden ihren Schatten, so hat der Gestrandete wenigstens etwas Schutz vor der Gluthitze des Tages.
Erstaunlich gelassen erträgt der Mopedfahrer sein Schicksal. Er schiebt sein Fahrzeug an den Straßenrand und kramt eine Wasserflasche aus der Packtasche, bevor er sich in den Schatten der Bäume setzt und den Verkehr auf der Landstraße beobachtet. Es fällt ihm leicht so gelassen zu bleiben, denn er kennt das Problem und weiß um seine Ursache. In einer Viertelstunde wird er weiterfahren können, nachdem der Motor ausreichend abgekühlt ist um wieder anzuspringen. So nutzt er die Zwangspause um sich etwas auszuruhen und die anderen Verkehrsteilnehmer zu beobachten.

Einige Wagen rollen vorbei, einige werden langsamer und ihre Fahrer sehen mit leerem Gesichtsausdruck zum Mopedfahrer hinüber. Andere beschleunigen merklich, bevor sie das am Fahrbahnrand abgestellte Fahrzeug passieren, nur um einige Strecke weiter wieder langsamer zu werden. Es ist eindeutig, dass die Einen nur ihre Neugier befriedigen und die Anderen bewusst nichts gesehen haben wollen. Umso erstaunter ist der Gestrandete, als ein Auto nicht nur langsamer wird, sondern auch mit ächzenden Bremsen zum Stehen kommt. Die Warnblinker des ramponierten Kleinwagens, dessen Karosserie scheinbar nur aus rostigen Fetzen zu bestehen scheint, beginnen ihr gelbliches Signal auszusenden und für einen Moment scheint nichts weiter zu geschehen.

Quietschend öffnet sich die Fahrertür und eine alte Frau steigt mühsam und umständlich aus dem Fahrzeug. Sie wirkt ebenso verlebt und abgerissen wie ihr Fahrzeug, ihre Kleidung besteht aus einer abgetragenen Kittelschürze und einer verblichenen Baseballmütze mit Werbeaufdruck eines amerikanischen Traktorherstellers. Doch ihre Augen leuchten hell und ihre Stimme wirklich lebendig als sie den gestrandeten Mopedfahrer anspricht: „Ko I da hoifa ?“ Dieser lächelt und antwortet: „Nein, es ist alles in Ordnung. Bald kann ich weiterfahren. Danke!“ Statt, wie erwartet, wieder in ihr Fahrzeug zu steigen und weiter zu fahren geht sie langsam um das Auto herum und betrachtet mit versonnenem Gesichtsausdruck das Moped. „Is a scho a wang oida, oda?“ Der Mopedfahrer ist inzwischen zu ihr getreten und nickt: „Ja, vierzig Jahre ist es alt. Darum setzt ihm wohl die Hitze auch etwas zu und ich muss es abkühlen lassen. Wissen sie, sie sind der erste Autofahrer der angehalten hat seit ich hier sitze.“ Jetzt lächelt die Alte und wirkt dabei, trotz einiger fehlender Zähne und der unübersehbaren Lachfalten in ihrem gebräunten Gesicht: „I vazoi dir a warum I des doa.“ 

In der seltsamen, irgendwie urtümlich wirkenden und von jeder falschen Folklore freien Art der Landbevölkerung begann sie zu erzählen. Sie berichtete ihrem Zuhörer von einer denkwürdigen Urlaubsreise, kurz nach dem Kriege. Ihr Mann war eben aus der Gefangenschaft bei den Amerikanern zurückgekehrt und zusammen begannen sie sich eine neue Existenz aufzubauen. Dies gelang recht gut und eines Tages erstand ihr Mann einen ramponierten, aber fahrtauglichen Wagen aus der Zeit vor dem Krieg. Das Fahrzeug sollte ihm dabei helfen seine Geschäft, den Handel mit Landmaschinen und landwirtschaftlichen Erzeugnissen, zu betreiben. Doch zuvor sollte das Fahrzeug dem jungen Ehepaar ermöglichen die durch den Krieg vereitelte Hochzeitsreise nachzuholen. Wie so viele Menschen in jener Ära träumten sie von Italien und so fiel die Wahl des Reiseziels auf das sonnige Land jenseits der Alpen. Die Berge sollten sich jedoch als zu großes Hindernis für das altersschwache Familienmobil erweisen und so strandeten die beiden, genau wie der Mopedfahrer nur ohne zu wissen wie sie weiterkommen sollten. Auf den dürftig belebten Straßen jener Zeit dauerte es dann auch einige Zeit, bis ein anderes Fahrzeug vorbei kam. Doch auch schon damals gab es Menschen, denen das Missgeschick ihrer Nächsten gleichgültig ist. Erst einige Stunden nach der Panne kam ein alter Bauer mit einem Ochsenwagen vorbei und frage, ob er helfen könne. Natürlich war der Mann nicht in der Lage das Auto wieder in Gang zu setzen, aber seine Ochsen waren stark genug ihren eigenen Wagen und das Auto zu ziehen und so zu einer Werkstatt zu bringen. 

Seit jenen Tagen hielt die Frau immer an, wenn sie jemanden am Straßenrand stehen sah der vielleicht Hilfe brauchen würde. Zwar war sie in all den Jahren nie in der Lage gewesen unmittelbar das Problem zu beseitigen, aber ihre einfache Anwesenheit hatte doch noch jedem Unglücksraben gut getan und somit die größte aller möglichen Hilfen gespendet. Denn erwiesene Anteilnahme am Geschick des Nächsten ist ein rares und darum sehr wertvolles Gut. Es ist der Ausweg aus der selbstzerstörerischen Sackgasse der Egomanie, in die so viele Menschen hineinrasen.

Achso: Der Mopedfahrer konnte nach der Unterhaltung mit der alten Dame weiterfahren, denn sein Fahrzeug hatte sich wieder abgekühlt. Dafür war sein Herz umso wärmer, was auch an einem heißen Sommertag nicht stört.



Tatsächlich erlebt und niedergeschrieben: Markus Zinnecker, 2016