Sonntag, 18. September 2016

Das Marktplatzgericht



Ein kleiner Ort wie die Anderen im Tal auch, kaum mehr als eine Ansammlung von bescheidenen Häusern. Die meisten davon, mit Stroh gedeckte, flache Gebäude ohne nennenswerte Besonderheiten. Nicht einmal Hausnummern kannte man in jenem entlegenen Dörflein. Den Bewohnern genügte es, die Häuser nach ihren Bewohnern zu benennen. „Dort wohnt der Schmied“ sagten sie zum Beispiel, oder „Jenes Haus gehört dem Bäcker.“ Dennoch war dieser Ort anders, als alle anderen Dörfer im Tal. Es war der einzige Ort, der einen Marktplatz hatte und darum kamen regelmäßig alle Bewohner der Gegend hier zusammen. Was war das jedes Mal für ein Trubel! All die Besucher, die Bauern mit ihren Fuhrwerken, die Hirten mit ihren Herden und die einfachen Leute, die Körbe und Fässer, Säcke und Kisten schleppten.

In all dem bunten Treiben fiel der Mönch in seiner schwarzen Kutte auf, eben weil er so einfarbig war und weil er einer der Wenigen war, die sich langsam und mit gemessenen Schritten zwischen den Ständen bewegten. Er hatte es nicht eilig, denn Eile hätte ihm nichts genützt. Die wenigen Besorgungen, die er im Auftrag des Klosters zu tätigen hatte, waren bereits erledigt. Die Waren die er erworben hatte, einige Säcke mit Getreide und zwei Ballen Stoff, lagen bei einem vertrauenswürdigen Menschen und er würde sie abholen, sobald sein Bruder mit dem Packpferd zurückkam. Das brave Tier brauchte neue Hufeisen, weshalb sich die Mönche getrennt hatten. 

Während er so durch die Reihen der Marktstände wanderte und sich das Treiben ansah, bemerkte der Pater einen Mann in schäbiger, verschmutzter Kleidung am Rand des Platzes stehen. Dieser betrachtete mit dem Blick eines fernen Beobachters das Marktgeschehen, wobei ein seltsam melancholischer Ausdruck auf seinem Gesicht lag. Einer plötzlichen Eingebung folgend, sprach ihn der Mönch an:

„Gott zum Gruße guter Mann. Was schaust du an diesem schönen Tag so traurig? Bedrückt dich etwas?“

Der Mann, der den Mönch bisher nicht bemerkt hatte, sah diesen an und entgegnete:

„Ach Bruder, was soll ich tun? Ich bin ein einfacher Bauer. Die Ernte habe ich gerad verkauft, bis auf das Wenige, das ich für mich selbst brauche. Jetzt habe ich ein bisschen Geld, genug um damit bis nächstes Jahr aus zu kommen. Aber manchmal wünschte sich man eben doch, einmal genug zu haben um sich etwas leisten zu können. Siehst du den Ratsherren da drüben, am Stand des Gewürzhändlers? Er ist reich und kann sich Dinge leisten, von denen ich nicht einmal zu träumen wage. Ich weiß, Neid ist eine Sünde, aber trotzdem beneide ich ihn.“

Leise nickend legte ihm der Mönch die Hand auf die Schulter. Er wusste, dass jedes Wort über den christlichen Wert der Armut den Bauern nur gekränkt hätte. Darum sprach er diesem einen kurzen Segen zu und verabschiedete sich dann. 

Nach einer kurzen Weile, der Bruder betrachtete im Vorbeigehen einen besonders prächtigen Stier, der am Stand des Viehverkäufers angebunden war, ertönte direkt neben ihm ein spitzer Schrei. Erschrocken sah sich der Mönch um und erblickte den Ratsherren, auf den ihn der Bauern gerade aufmerksam gemacht hatte.

„Verzeiht guter Herr. Habe ich euch angerempelt? Der Herr und auch sie mögen es mir verzeihen.“ 

Besorgnis erfüllte ihn, als er die Schmerzen auf dem Gesicht des älteren Mannes sah. Dieser antwortete nicht sofort, sondern holte ein Seidentuch aus der Tasche seines Samtrocks und wischte sich damit übers Gesicht.

„Schon gut Pater. Ich muss mich entschuldigen, denn ich habe euch erschreckt. Es war ein unglücklicher Zufall, aber ihr seid mir auf den Fuß getreten, in dem mich seit langem die Gischt quält. Es war nicht so schlimm. Mehr der Schreck als der Schmerz, ließ mich schreien. Wisst ihr, das Leben ist manchmal wirklich ein Tal der Tränen, genau wie es in eurer Bibel steht. Gesund und jung müsste man wieder sein, so wie dieser Bengel dort. Wie ich ihn doch beneide!“ 

Mit diesen Worten zeigte er auf einen Straßenjungen. Eines jener Kinder armer Landarbeiter, die sich ihr karges Leben dadurch verbesserten, dass sie auf den Märkten Lebensmittel stahlen oder Reste aufsammelten. Der Mönch legte auch dem Ratsherrn die Hand auf die Schulter, segnete ihn und ging dann weiter. An einem Stand mit Früchten blieb er stehen, als er einen lauten Ruf hörte:

„Halt! Bleib stehen du elender Dieb!“

Gerade als er sich umdrehen wollte, rannte ihm der Straßenjunge in die Arme, auf den kurz zuvor der Ratsherr gezeigt hatte. In der Hand hielt er eine große, saftig aussende Birne, die er wohl gerade dem Händler am Stand nebenan gestohlen hatte. Dieser war dicker Mann mit kurzen, an Säulen erinnernden Beinen, dessen nahezu perfekt kugelförmiger und völlig kahler Kopf ohne erkennbaren Hals auf den Schultern zu ruhen schien. Der Mönch umfasste die Arme des Jungen und bemerkte dabei, dass diese kaum mehr als Knochen mit etwas Haut darüber waren. Er ging in die Knie und sah dem Kind ins Gesicht. Auf den Zügen des kleinen Diebes lagen nicht nur Angst vor der Strafe und Ärger darüber gefasst worden zu sein, sondern auch die untrüglichen Zeichen eins entbehrungsreichen Lebens. 

„Was ist los? Warum tust du so Etwas?“ 

Die weiche, aber doch feste Stimme des Paters brachte den wütenden Händler zum Stehen und verhinderte, dass dieser auf den Jungen einschlug. Denn die Frage des Mönches war an beide, den Jungen und den Händler, zugleich gerichtet.

„Ich habe Hunger ehrwürdiger Vater. Einmal im Leben will ich so satt sein wie dieser geizige Fettsack, freiwillig gibt er nichts. Selbst die fauligen und beschädigten Früchte an seinem Stand nicht, denn er mästet damit sein Schwein, das ebenso fett ist wie er selbst. Darum muss ich von ihm stehlen, aber trotzdem beneide ich ihn.“

Der Blick des Paters wanderte vom Jungen zum Händler und dieser, von dessen Autorität zur ruhigeren Reaktion gezwungen, antwortete:

„Ach, keine Ahnung hat der Kerl! Ja, satt bin ich, aber schulden hab ich auch. Sie drücken mir das Dach ein und rauben mir den Schlaf. Darum kann ich nichts geben, denn ohne meine Einnahmen und ohne mein Schwein würden mich die Gläubiger Pfänden und ich wäre bald ebenso arm wie dieser kleine Verbrecher. Seht euch den Bauern an Bruder, “ mit diesen Worten zeigte der Händler auf den Mann, mit dem der Mönch zuerst gesprochen hatte, „sein Hof ist klein und er kann gerade so davon leben, aber er kann wenigstens nachts ruhig schlafen und hat keine Schulden. Wenn ich auf jemanden neidisch bin, dann auf Leute wie ihn.“ 

Der Junge sah den Händler mit weit geöffneten Augen an und reichte ihm die Birne. Doch dieser nahm sie nicht, sondern drehte sich nur um und ging zu seinem Stand zurück. Der Mönch jedoch ging, begleitet vom Straßenjungen, der einige Schritte hinter ihm her lief, langsam weiter. Der Pater hatte an diesem Tag viel gelernt, über das Urteilen und die Menschen, die damit meist viel zu schnell bei der Hand sind.



(c) Text: Markus Zinnecker, 2016

Mittwoch, 14. September 2016

Lebensschiffe



Die Tage der Segelschiffe, der mächtigen Windjammer und Koggen, der kanonentragenden Linienschiffe und prachtvollen Handelsschiffe scheinen vorbei zu sein. Die Ozeane sind, so glauben die meisten Zeitgenossen, nur noch das Revier seelenloser Stahlgiganten, denen jeder Sinn für Freiheit und Abenteuer zu fehlen scheint. Doch wer so denkt liegt falsch, denn die Tage der mächtigen Segler sind noch nicht gezählt. Es mag stimmen, dass sie in den Weiten der erdumspannenden Wasserwüsten zu einer verschwindenden Minderheit, zu einem sympathischen Relikt einer, im verklärten Rückblick, goldverbrämten Epoche geworden sind. Dennoch füllen sich auch heute noch täglich die Segel abertausenden Schiffen. Doch sind dies Schiffe, die nur noch auf den Ozeanen der Phantasie kreuzen, die auf die Inseln der Träume zusteuern und auf deren Toppen weder die Flaggen der großen Nationen, noch die gekreuzten Knochen noch sonst ein anderes Tuch weht, als das der friedvollen Abenteuer und der Liebe.

Wenn in den alten Zeiten einmal ein Seemann in einem ruhigen Moment über das Wasser hinweg sah und dabei jenen Horizont fixierte, hinter dem sich die ferne Heimat befand, so stehen die Matrosen der Armada der Träume stets im Bug ihres Fahrzeugs. Der Blick ruht dabei auf dem Horizont der Zukunft, die mit verlockendem Sirenengesang all jene anzieht, die noch nicht vergessen haben wie man träumt. 

Doch wie bereits die antiken Seefahrer, unter ihrem Kapitän Odysseus, sind auch ihre modernen Kameraden auf ihren Traumreisen in Gefahr. Manch einer folgt dabei dem Vorbild der antiken Helden und verstopft seine Sinne mit dem Wachs der Resignation oder bindet sich mit den Seilen des Zwangs und der Konventionen an den Mast. Der Weise jedoch vertraut auf den rechten Steuermann, der mit Bedacht gewählt wurde und das Schiff sicher zu seinem Ziel lenkt.

Wer dem falschen Rudergänger vertraut, der kann erleben, wie dieser sein Schiff voller Heimtücke auf einen Kurs des Verderbens lenkt. Ein solches Schiff wird unweigerlich scheitern. Zerschellen an den Klippen und auflaufen auf den Sandbänken des Lebens. Als zerschlagenes Wrack versinken in den Mahlströmen der Depression jener, die nicht mehr träumen können. Derer deren Horizont sich auf ewig verfinstert hat.

Unter dem rechten Steuermann jedoch wird das Schiff die goldenen Küsten der Träume erreichen und der Wächter im Krähennest wird Wunder sehen, die kein Traum zu beschreiben, die keine Phantasie zu zeichnen und die kein Verstand zu begreifen vermag. Ein Schiff, das von den Händen eines wahren Admirals des Lebens fährt, wird zudem auf seiner Reise vielfach die Gelegenheit finden, gescheiterten Schiffen zu helfen. Sie von Klippen hinweg zu schleppen und ihnen neues Wasser unter ihre Kiele und frischen Wind in ihre Segel zu geben. 

Dort, wo reibende Schiffswände das Holz der Planken vernarbt und Flicken aus dem eigenen Segel das eines Anderen retten, dort verbindet sich bald ein Schiff zum anderen und gemeinsam kreuzen die Flotten der Freundschaft und der Einheit in eine Zukunft voller Wunder und Glück.


(c) Text: Markus Zinnecker, 2016
Bild: HMS Victory, gemeinfreies Werk (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/HMS_Victory#/media/File:HMS_Victory_1884.jpg

Samstag, 3. September 2016

Vishnas Traum

Vishna sah hinauf zu den Sternen. Vishna sah jede Nacht hinauf zu den Sternen, so lange sie denken konnte tat sie dies schon. Selbst wenn Wolken den Ausblick auf die fernen Leuchtpunkte am Firmament verstellten sah sie hinauf. Sie kannte die Konstellationen so gut, dass sie sich ihr Abbild vorstellen konnte. Manchmal fiel eine Sternschnuppe in ihrem Blickfeld vom Himmel, manchmal zog ein Komet in eisiger Eleganz vorbei oder irgendein anderes kosmisches Großereignis faszinierte die einsame Beobachterin. 

Vishnas Heimatplanet, für den seine Bewohner keinen anderen Namen als den kannten, der in ihrer Sprache Heimat bedeutete, umkreiste einen rötlich leuchtenden Zwergstern. Gemeinsam mit zwei weiteren, völlig leblosen Steinplaneten und einem eiskalten Gasriesen. Vishna hatte einmal die Gelegenheit gehabt durch eines der primitiven Teleskope zu sehen, mit denen sich einige Gelehrte befassten, und den Gasplaneten beobachten zu können. Die wirbelnden Farbenspiele seiner Atmosphäre, eine gigantische Welt, fast schon ein Stern, aber gerade noch ein Planet, hatten sie fasziniert. In ihrer jugendlichen Fantasie war der Gasgigant mehr als nur eine tote Akkumulation, von irrwitziger Gravitation an einen Ort gefesselter, flüchtiger Materie. Er war die Heimat mystischer Fabelwesen, von Feen und Elfen, von Trollen und Drachen. Ihr Geist wanderte auch in dieser Nacht wieder an diesen magischen Ort. An den Ort, der ihre Imagination fesselte, der nach kosmischen Maßstäben nicht weit entfernt, aber doch unerreichbar war. Auf Vishnas Planet gab es kein Raumschiff, keine Maschine die höher entwickelt war als die einfachen Gerätschaften der Bauern. Die Bewohner der kleinen Welt waren einfache Leute, zufrieden mit dem was ihnen die sanfte Natur ihrer Heimat zum Leben zur Verfügung stellte. Vishna jedoch träumte von fernen Welten, vom unerreichbaren Wundern die sie sich in ihrem Geiste ausmalte. Diese Fantastereien fesselten ihre Gedanken so, dass sie das helle Licht am Nachthimmel erst bemerkte, als es bereits einige Zeit sichtbar war. Wie eine Sternschnuppe schien es über das Firmament zu rasen, doch es war heller als je irgendein Himmelsereignis gewesen war. Vishna beobachtete den scheinbar immer größer werdenden Feuerball mit einer Mischung aus Faszination und Angst. Sie hatte nie zuvor etwas Vergleichbares gesehen, dennoch erinnerte sie sich an die Geschichten der Alten. Vor langer Zeit war ein Meteorit in der Nähe des Dorfes eingeschlagen, den Krater konnte man bis heute sehen und angeblich seien damals viele Dorfbewohner ums Leben gekommen. 

Vishna riss sich vom fesselnden Anblick der über den Himmel rasenden Feuerkugel los und begann zu rennen. Die Häuser der Siedlung, am Fuße des Hügels, waren dunkel, niemand außer ihr war um diese Zeit mehr wach. Darum begann sie aus vollem Halse zu schreien und hatte Erfolg. In einigen Fenstern wurde das schwache Licht von Kerzen sichtbar und aus dem ersten Haus am Ortsrand trat eine Gestalt hervor. Es war zu dunkel um das Gesicht des Mannes zu erkennen, doch seine breiten Schultern seine Körpergröße machten ihn unverkennbar, es war Sihcha, der Schmied. Sein Blick war auf Vishna gerichtet und er öffnete seinen Mund um zu fragen was denn los sei, doch er verstummte, als er das Licht am Nachthimmel sah. Weitere Dorfbewohner traten vor ihre Häuser und alle erstarrten, als sie das Licht sahen. Die riesige Feuerkugel war jetzt nahe, jeden Moment würde sie auf dem Boden aufschlagen und mit der Gewalt der Kollision alles im Umkreis vernichten. Die Häuser, die Felder, das Vieh. Vishna, Sihcha und die anderen Dörfler waren sicher, dass ihr Ende nahe war. Doch dann geschah das Unvorstellbare. Das riesige Licht wurde langsamer, der feurige Schweif der es begleitet hatte verlosch und wurde von anderen, der Flugrichtung entgegengesetzten, Feuerstrahlen ersetzt. Man konnte jetzt Details erkennen, ein großes, an einem Ende spitz zulaufendes, metallisches Objekt, das sich nun langsam dem Boden näherte und auf der großen Wiese außerhalb des Dorfes sanft aufsetzte. 

Vishna, der Schmied und einige weitere Dorfbewohner, zumeist jene, deren Neugierde stärker ausgeprägt war als ihre Angst, näherten sich dem seltsamen Objekt. Die schwarze Außenhülle des Raumschiffs glitzerte im schwachen Sternenlicht geheimnisvoll und wirkte, als sei sie von einer feuchten Nebelschicht überzogen. Doch keiner der Zuschauer wage es, das fremdartige Objekt zu berühren, stattdessen standen sie nur da und starrten auf das rätselhafte Ding, welches buchstäblich vom Himmel gefallen war. Einzig Vishna wagte es sich auf wenige Schritte heran und blieb dann stehen. Einige Minuten lang geschah nichts, nur das leise Knistern von abkühlendem Metall und die fernen Geräusche der Natur waren zu hören. Vishna sah nach oben und versuchte die Dimensionen des gewaltigen Gegenstandes abzuschätzen. Sie hatte noch nie zuvor das Wort Raumschiff gehört, noch wusste sie, dass es tatsächlich möglich war zu den Sternen zu reisen. Die Astronomen ihrer Welt erforschten zwar die Sterne, doch taten sie dies nur mit den einfachen Mitteln ihres Volkes. Keiner von ihnen hätte je zu träumen gewagt, dass es draußen in der riesigen Leere des Universums jemanden geben könnte, der über eine Maschine verfügte, die es ihm erlaubte die Grenzen seines Heimatplaneten zu verlassen und sich zu den unfasslichen Wundern des Kosmos zu begeben und sie mit eigenen Augen anzubeten. Denn dies taten die Leute von Vishnas Volk. Sie sahen in den Sternen den Abglanz der Herrlichkeit der Götter, in den Planeten die Wohnstätten der Ahnen und magischer Wesen, in den unerklärlichen Nebeln des Alls die Heimat von Dämonen. 

Vishna zuckte zusammen, als eine Hand sich auf ihre Schulter legte und sie vor der unerwarteten Berührung erschrak. Als sie sich umdrehte blickte sie in ein furchiges Gesicht, das von dünnen, strahlendweißen Haaren eingerahmt wurde. Sahras, der Weise des Dorfes war neben sie getreten und wollte sie offenbar davon abhalten das Objekt zu berühren. Sie sah in die tiefen, geheimnisvollen Augen des Uralten und dieser wollte etwas zu ihr sagen, als ihn ein fauchendes Geräusch ablenkte. Ein schmaler Lichtstreifen zeigte sich an der Seite des merkwürdigen Gegenstandes und wurde langsam breiter. Vishna erkannte, dass sich eine Tür langsam öffnete und wich zurück, nur Sahras blieb unmittelbar vor dem Raumschiff stehen. Helles Licht strahlte aus dem inneren des Schiffes und erhellte einen kleinen Bereich auf der Wiese, als langsam ein Wesen aus dem inneren des Raumfahrzeugs kam. Vishna beobachtete den Fremden und stellte fest, dass er ihrem eigenen Volke ähnlich sah. Er war etwas kleiner, dafür aber kräftiger gebaut, hatte zwei Arme mit Händen und zwei beine mit Füßen. Sein rundlicher Kopf war von kurzem aber dichtem Haar bedeckt und es schien sich um einen Mann zu handeln. Dieser sah sich um und betrachtete die Versammelten einige Zeit, dann hob er die Hände, eine Geste die irgendwie friedlich wirkte und ging langsam auf Sahras zu.

Sahras hob ebenfalls die Hände und ging dem Fremden einige Schritte entgegen. Zwei Armlängen voneinander entfernt blieben beide stehen und sahen sich einige Augenblicke lang an. Dann begann der Außenweltler, nur um einen solchen konnte es sich bei dem Fremden handeln, zu sprechen. „Ich komme in Frieden, mein Name ist Johnathan Kinkaid und mein Schiff ist beschädigt. Darum war ich gezwungen auf ihrem Planeten zu landen.“ Vishna staunte, nicht nur über die kräftige, wohltönende Stimme des Fremden, sondern auch darüber, dass sie ihn problemlos verstehen konnte. Sahras nickte würdevoll und entgegnete: „Seid willkommen in unserer Heimat, Johnathan Kinkaid, wir bieten euch unsere Gastfreundschaft an. Solange es notwendig ist. Wenn wir euch bei der Reparatur des Schiffes helfen können, dann lasst es uns wissen.“ Kinkaid erwiderte das Nicken des Alten, antwortete jedoch nicht. Es trat ein Moment des Schweigens ein, dann nickte Sahras erneut und drehte sich um. Zu den Dorfbewohnern gewandt sagte er: „Leute, geht zurück in eure Hütten. Der Fremde benötigt Ruhe um sein Schiff in Ordnung zu bringen. Gewährt sie ihm bitte.“ Niemand wagte es ihm zu wiedersprechen und langsam leerte sich die Wiese vor dem Raumschiff. Nur Sahras und Kinkaid blieben zurück. Als der letzte Dorfbewohner außer Hörweite war, wandte sich der Weise an den Raumfahrer: „Ich kann euch nichts verbieten, aber ich bitte euch: Haltet euch von den Dorfbewohnern fern, sie sind einfache Leute und verstehen nicht, was hier geschehen ist.“ Kinkaid nickte sah dem Alten nach, der sich ebenfalls langsam zum Dorf zurück begab.

Am nächsten Morgen bemerkte Kinkaid, dass nur ein einzelner Planetenbewohner vor dem Raumschiff stand. Es war der alte Mann, der offenbar eine gewisse Macht über die anderen hatte. Er machte einen friedlichen Eindruck und schien nichts weiter zu tun, als dazustehen und das Raumschiff zu betrachten. Neben ihm auf dem Boden lag ein Sack, der irgendeinen Gegenstand zu enthalten schien. Neugierig trat Kinkaid aus der Luftschleuse und sprach den Mann an. „Guten Morgen mein Freund, was führt sie so früh hierher?“ Die weiche, fast singende Stimme des Planetenbewohners überraschte Kinkaid, nicht mit ihrem Klang sondern mit den Worten die sie ausdrückte: „Ich habe hier etwas Europium. Der Ausfall ihres Antriebs beruht vermutlich auf einem Mangel an diesem Treibstoff, bitte nehmen sie es und verlassen sie unserem Planeten damit. Im Asteroidengürtel, der hinter dem vierten Planeten des Systems beginnt, finden sie große Vorkommnisse an reinem Europium das ihnen die Weiterreise erlauben wird. Doch versprechen sie mir, niemandem von unserer Welt zu erzählen. Wenn mehr Besucher aus dem All zu uns kommen, würde sie vermutlich zerstört werden.“ Kinkaids Gesicht zeigte offenes erstaunen, auch wenn der Planetenbewohner den Gesichtsausdruck des für ihn vollkommen fremdartigen Menschen nicht eindeutig zuordnen konnte. „Woher … ?“ Der Alte unterbrach den Raumfahrer: „Auch unser Volk reiste einst zu den Sternen. Wir wissen wie man ein überlichtschnelles Schiff bauen kann und welche Treibstoffe es benötigt. Von allen Elementen im Universum hat nur Europium die notwendige Energie. Meine Ahnen reisten auch zu ihrer Welt Kinkaid, wir wissen, dass man sie Erde nennt und dass dort viele leben, die wie sie sind. Ihrem Volk ist es nie klar geworden, dass ein Raumschiff sie nur weg von der Heimat bringen kann. In unserer Welt haben wir die Maschinen verdammt, denn sie entwürdigen das Leben. Nur die Weisen und ältesten Lehrer wissen um die Geheimnisse der Technologie und vom grausamen Fluch den sie einst über uns brachte. Ich bin ein alter Mann Kinkaid, ich werde nicht mehr viele Tage sehen, aber das Wissen wird leben. Das Mädchen, das sie heute Nacht bei mir sahen, sie wird eines Tages eine große Weise werden. Ihr wird anvertraut werden, warum sich ihre Ahnen gegen die Technologie entschieden, die sie und ihr Volk so verehren. Wir beten zu einem gnädigen Gott, der uns alles gibt was wir zum Leben brauchen. Sie und ihr Volk, ihr werdet von der Geißel der Technologie, vom Dämon Fortschritt durch das Universum gejagt. Sie hetzen in einem Schiff, das schneller als das Licht ist, an den Sternen vorbei und sehen doch nie ihre Herrlichkeit, sie hören nie die Stimme dessen, der all dies geschaffen hat. Wir wurden von diesem Fluch erlöst, aber dennoch bewahren wir das uralte Wissen, einige wenige Weise erhalten es für den Tag an dem es nützlich werden könnte um uns zu schützen. Heute ist dieser Tag gekommen, denn sie sind hier. Kinkaid, sie müssen den Planeten verlassen, darum erhalten sie von mir was sie brauchen, aber jetzt gehen sie und kehren sie nie zurück.“ 

Nach diesen Worten wandte sich der Alte zurück zum Dorf, lies den Sack mit dem Klumpen Europiumerz liegen und sah sich nicht mehr um. Einige Stunden später sahen die Dorfbewohner das Raumschiff abheben und im Blau des Himmels verschwinden. Kaum jemand dachte über die seltsame Begebenheit nach, nur das Mädchen Vishna ging einige Tage später zum Weisen und frage ihn, was all dies zu bedeuten habe. Der Weise lächelte sie an und begann, sie in die Geheimnisse der Ahnen einzuweihen. 


Markus Zinnecker, 2016