Dienstag, 6. Dezember 2016

die zwei Hunde



Tiefer Friede lag über dem Dorf der Indianer von den großen Seen. Am Tag zuvor war eine große Büffelherde über die Prärie gezogen und die Krieger hatten zwei der gewaltigen Tiere erlegt. Jetzt ruhten sich die Indianer aus, denn es war viel harte Arbeit gewesen die Beute zu zerlegen und zu verarbeiten. Im kommenden Winter würde niemand hungern und frieren, denn es waren genügend Dörrfleisch und Felle vorhanden. Etwas abseits saß ein alter Mann am Feuer, das vor seinem Zelt brannte. Er war tief in Gedanken und Erinnerungen versunken. Im Geist reiste er zurück in die Zeit, als er ein junger Krieger gewesen war, lange bevor er in den Rat der Ältesten aufgenommen und zu einem angesehenen Weisen geworden war. Heute verehrten seine Leute ihn als mächtigen Schamanen und weisen Berater.

Tief in der Vergangenheit versunken bemerkte er zunächst nicht, dass er nicht mehr alleine war. Ein kleines Mädchen hatte sich ihm schüchtern genähert und wartete still, dass der Alte es bemerkte. In ihren kleinen Armen lag ein Bündel, etwas war in eine Decke eingewickelt und plötzlich erklang aus dem Bündel ein leises Jaulen. Die Augen des alten Mannes öffneten sich und er sah zur Quelle des unerwarteten Geräuschs. Es musste ein junger Hund sein, den das Mädchen so liebevoll behütete. Es waren jedoch die großen, von Tränen feuchten Augen des Kindes, die dem Schamanen als Erstes auffielen. Mit sanfter Stimme fragte er: „Was führt dich zu mir mein Kind?“ Die Kleine nahm ihren ganzen Mut zusammen und trat näher bevor sie antwortete: „Einer der großen Hunde hat meinen Welpen angefallen und verletzt. Dabei wollte er nur auch einen der Büffelknochen haben. Mein Vater wollte ihn erschlagen, denn er sei zu schwach um zu überleben. Aber ich glaube du kannst ihn heilen.“ Der Alte beugte sich zu ihr hinüber und nahm ihr das Bündel aus den Armen.

Der Welpe war schwer verletzt, ein großer Hund hatte ihn am Bauch gepackt und das kleine Tier hatte viel Blut verloren. Doch die geschickten Hände des Schamanen reinigten die Wunden und bestrichen sie mit einer Paste aus Kräutern, bevor er sie mit Baumrinde bedeckte und mit einer Sehne verband. „Du musst dich gut um deinen kleinen Freund kümmern. Dann wird er in einem Mond wieder genesen sein.“ Der freudige Gesichtsausdruck des Kindes brachte auch den alten Mann für einen Moment zum Lächeln. Dann fuhr er fort: „Doch nimm auch die Lehre an, die in diesem Geschehnis liegt. Bedenke das Manitu nichts geschehen lässt, das nicht einen tieferen Nutzen und Sinn hat.“ Das Kind sah den Alten verwirrt an, wagte aber nicht zu fragen was er meinte. Doch der Alte erkannte die unausgesprochene Frage. „Im Leben aller Kreatur existieren zwei Hunde, die sich im ständigen Streit befinden. Einer ist der Hass und der Andere ist die Liebe.“ Das Kind sah einige Zeit lang den Welpen an und dann den alten Mann. An ihrem Gesichtsausdruck sah der Schamane, dass sie ihn verstanden hatte. Nach einer Weile jedoch fragte sie ihn: „Und welcher Hund gewinnt?“ Der Alte lächelte, denn er wusste jetzt sicher, dass sie ihn verstanden hatte: „Der den du fütterst und umsorgst wird immer stärker werden und am Ende gewinnen.“


Text: Markus Zinnecker, 2016
Mit besonderem Dank an meine liebe Freundin Annemarie, die auf ihre Art diese Geschichte inspiriert hat.