Mittwoch, 18. Januar 2017

Was der Maulwurf von den Ameisen lernen konnte.



Im Reich der Tiere gibt es eine wundersame Verbindung aller Wesen, die kein Mensch erklären kann. Obwohl sie ihrer Art und Gestalt nach so verschiedenartig sind, wie die unendlich mannigfaltigen Figuren eines Kaleidoskops, sind doch alle Tiere eine Einheit. Gleichviel ob es die riesigen Wale, die verschwiegenen Wanderer der Ozeane sind oder die winzigen Insekten. Sie alle sind Teil eines magischen, weltumspannenden Reiches, kein Tier ist jemals einsam oder gleichgültig gegenüber seinen Mitgeschöpfen.

So kam es auch, dass es eines Tages den Maulwurf dazu trieb, seinen Tunnel so zu graben, dass er im Bau des Kaninchens herauskam. Er durchstieß die Wand des Wohnkessels mit seiner spitzen, borstigen Nase und schnupperte vorsichtig. Das Kaninchen saß traurig in einer Ecke und sah den unerwarteten Besucher mit seinen roten Augen schweigend an. Dieser merkte sofort, dass etwas nicht in Ordnung war und fragte: „Sag mein Freund, was fehlt dir?“ Das Kaninchen seufzte und klagte darüber, dass es krank sei und sich um die vielen Jungen kümmern müsse. Es sei unendlich viel Arbeit und keine Zeit zu Ruhen. Der Maulwurf hörte betroffen zu und dachte nach, was er denn tun könne um zu helfen. Doch ihm fiel nichts ein und zuletzt kroch er durch den Kaninchenbau hinaus ans Tageslicht, um wenigstens einige Büschel frischen Klees hinunter in die Dunkelheit zu bringen. Ein schwacher Trost für das Kaninchen und eine unendlich schwere Arbeit für den Maulwurf, der doch dazu geschaffen war in der Erde zu graben und Regenwürmer zu jagen. Traurig über seine eigene Unfähigkeit zu helfen, verkroch er sich wieder in seinem Tunnel und lies das Kaninchen mit seinem Kummer zurück. Dabei hatte er, ohne es zu ahnen, bereits für Hilfe gesorgt!

Das sich ein Maulwurf an der Oberfläche blicken ließ, noch dazu am helllichten Tage, war ein so unerhörtes Ereignis, dass die Ameisenkundschafter sofort zum Haufen zurück eilten um es der Königin zu berichten. Diese sagte: „Ihr habt recht, der Maulwurf muss einen sehr guten Grund haben um sich am Tage herauf zu wagen. Dies tut er nur dann, wenn unter der Erde ein großes Unglück droht. Ihr Soldaten: Zieht aus und forscht nach was dieses Unglück ist. Kehrt dann zurück und berichtet mir.“ Da im Ameisenstaat jeder Wunsch der Königin auch immer der Wunsch des gesamten Volkes ist, schwärmten Tausende Ameisensoldaten aus und suchten den Maulwurf. Dieser hatte sich in den entferntesten Teil seiner Gänge zurückgezogen und grübelte über das Kaninchen nach. Wie würde er ihm helfen können? Zunächst fuhr er die Ameisensoldaten, die ihn aufsuchten und fragten warum er an der Oberfläche gewesen sei, barsch an: „Was geht es euch an? Ist es nicht meine Sache, wohin ich wann gehe?“ Die Ameisen fragten aber weiter, denn sie mussten ja den Befehl der Königin unbedingt ausführen: „Sicherlich ist es so Meister Maulwurf, aber es ist bekannt, dass ihr nur in seltenen Ausnahmefällen die Oberfläche besucht. Darum begehrt unsere Königin den Grund zu erfahren.“ Nun seufzte der Maulwurf und richtete seine blinden Augen auf die sechsbeinigen Krieger: „Nun, so will ich es euch erzählen, denn es ist kein Geheimnis. Das Kaninchen ist krank und bedarf der Hilfe, ich habe es versucht aber kläglich versagt. Ich bin dem Kaninchen ein schlechter Freund. Geht also zu eurer Königin und sagt ihr, dass der Maulwurf kein Meister ist, sondern ein trauriger Versager.“

Leise entfernten sich die Ameisen und kehrten in den Haufen zurück. Dort, tief im Inneren der Insektenburg, hörte die Königin sich schweigend ihren Bericht an. Dann sagte sie zu den Soldaten: „Was bedarf ein Kranker? Er bedarf der Ruhe und der Nahrung, dann wird er wieder gesund. Das Kaninchen hat uns schon oft geholfen, denn es frisst das Grün der Felder und sorgt damit dafür, dass es uns nie an jenen Dingen mangelt die wir zum Leben brauchen. Denn nur im kurz gehaltenen Grün können jene Insekten leben, die unsere Nahrung sind. Darum ist es nun an der Zeit, dass wir dem Kaninchen helfen. Geht hinaus auf das Feld, sammelt Klee und bringt ihn in den Bau des Kaninchens. Tut dies solange es seine Jungen nicht selbst versorgen kann.

Einige Tage später traute sich der Maulwurf zurück in den Kaninchenbau. Er war noch immer traurig und hatte beschlossen, sich beim Kaninchen für sein Versagen zu entschuldigen. Wenn er dem Freund schon nicht helfen konnte, so wollte er wenigstens ehrlich zu ihm sein. Großes Erstaunen überkam ihn, als er im Kaninchenbau des Geruch frischen Klees und das unablässige Nagen kleiner Zähne wahrnahm. „Kaninchen, bist du wieder geheilt?“ fragte er verwundert. „Nein Meister Maulwurf, noch nicht ganz, aber meinen Jungen geht es gut und die Ruhe bringt mir langsam die Gesundheit zurück. Ich danke euch, dass ihr das Heer der Ameisen zu Hilfe gerufen habt. Ohne ihre Hilfe wäre ich untergegangen.“ Es verschlug dem Maulwurf, der ohnehin nicht viel redete, die Sprache. Er wusste nicht was er sagen sollte und grub sich daher zurück in die Erde. Er grub und grub, so schnell wie noch nie in seinem Leben. Bis er die Wurzeln der alten Erle riechen konnte, an deren Stamm der Ameisenhaufen lag. Er grub sich hinauf an die Oberfläche und wurde sofort von den Ameisensoldaten umstellt. Er wusste, dass diese nur ihre Wachpflicht erfüllten und blieb ruhig stehen. Die Königin wurde alarmiert und tauchte am Rand des Ameisenhaufens auf. „Ah, Meister Maulwurf, sei mir gegrüßt. Ich weiß was du willst, aber sei versichert, wir erwarten keinen Dank. Weder von dir noch vom Kaninchen, denn wer Dank erwartet wird stets enttäuscht. Er ist auch nicht erforderlich, denn wahre Freundschaft bringt einen unerschöpflichen Vorrat wahrer Dankbarkeit mit sich. Doch sei versichert, ein ehrliches, gutes Herz ist der größte Schatz den es gibt. Du hast zugegeben unfähig zu sein deinem Freunde zu helfen. Dies ist unendlich schwer, aber diese Offenheit hat deinem Freund die Hilfe gebracht die er brauchte. Bleib ehrlich und treu, dann wirst du es richtig machen.“ Mit diesen Worten verschwand sie wieder im Inneren ihrer Burg und der Maulwurf grub sich zurück in seine Gänge. Er hatte an diesem Tag viel gelernt, nicht nur über den Wert wahrer Hilfe, sondern auch über Freundschaft und bewusstes Handeln.


© Markus Zinnecker, 2017