Montag, 3. April 2017

vom Uhrengleichnis



Das Kloster der heiligen Brüder lag weit vor der Stadt, in einem stillen Tal das nur selten von Fremden betreten wurde. Eine Mauer aus groben Steinen umfasste den Garten und die Gebäude des Klosters. Auch diese waren grau und schmucklos. Überhaupt gab es nur zwei Räume im ganzen Kloster, in denen sich Schmuckwerk fand. Das war zum einen natürlich die Kirche, das prachtvolle Gotteshaus des Ordens, das in seinem stillen Prunk zum steinernen Monument des Glaubens geworden war. Zum anderen war es der große Speisesaal der Mönche, das Refektorium. An den Wänden des Saals hingen einige Gemälde alter Meister, die bedeutende Szenen aus den heiligen Schriften darstellten. Zwischen den kostbaren Bildern hing, wie ein Fremdkörper wirkend, eine alte Uhr. Es war ein einfacher Zeitmesser aus alter Zeit, eingefasst von einem schmucklosen Holzgehäuse und von einem großen Pendel in Gang gehalten.

Eines Tages geschah etwas, das sehr selten war. Ein Besucher klopfte an die Pforte und einige Zeit später führte der Abt den Besucher umher. Er zeigte ihm in stiller Bescheidenheit das gesamte Kloster und zuletzt betraten sie auch das Refektorium. Wegen der dort aufgehängten Bilder war der Besucher überhaupt den langen Weg von der Stadt gekommen. Er war ein Kunstfreund und wollte sich die dort verborgenen Gemälde ansehen. Der Abt nahm derweil auf einem der Stühle im Refektorium Platz und beobachtete schweigend den Kunstfreund, der aufmerksam die Gemälde studierte. Zuletzt trat er neben den Abt und sagte: „Vater Abt, ich danke euch. Es war sehr großzügig, dass ihr mir erlaubt habt diese wundervolle Gemäldesammlung zu bewundern. Doch sagt mir, warum hängt diese hässliche alte Uhr zwischen den Bildern?“

Der Abt erhob sich und blieb vor der Uhr stehen. Er betrachtete sie kurz schweigend, dann öffnete er die Tür des Uhrengehäuses und nahm den Schlüssel zur Hand, der darin lag. Dann zog er die Uhr, immer noch schweigend, auf und legte den Schlüssel zurück an seinen Platz. Mit einem leisen Quietschen fiel die Tür des Uhrenkastens wieder zu und erst jetzt antwortete er dem Besucher: „Mein Sohn, sieh dir diese Bilder an. Was ist ihnen allen gemein?“ Ohne lange zu überlegen antwortete der Gefragte: „Sie alle zeigen biblische Szenen.“ Der Abt nickte. „Ja, das tun sie. Sie sind Predigten aus Ölfarbe, gemalt auf Leinwand vor uralter Zeit. Sie tragen schweigend die Botschaft des Glaubens durch die Jahrhunderte. Nun sieh dir das Gewölbe des Refektoriums an!“ Der Kunstfreund erhob seinen Blick und betrachtete die Gewölbedecke des Saals. Auf den Steinen des Gewölbes waren Symbole, Bilder und Figuren eingegraben. Diese stellten Heilige und Figuren aus den Schriften dar. Der Abt fragte ihn: „Was siehst du?“ „In den Stein des Gewölbes eingehauene Bilder. Auch diese Bilder stellen heilige Szenen dar.“ Wieder nickte der Abt: „Ja, so ist es. Sie sind Predigten aus Stein, eingegraben in den Fels aus dem Gott die Erde erbaut hat und hierher gebracht, aufgetürmt zu einem künstlichen Gebirge. Wie die Gemälde erzählen sie seit uralter Zeit vom Geheimnis des Glaubens.“ „Ja, aber was hat das mit der Uhr zu tun?“ Der Kunstfreund wurde langsam ungeduldig. Der Abt lächelte und antwortete: „Generationen von Mönchen haben die Bilder an der Wand und die Figuren im Stein des Gewölbes gesehen. Ebenso haben Generationen von Mönchen die Uhr gesehen und ihre Botschaft verstanden. Sie ist eine Predigt in mechanischer Form. Mit den Bildern zeigen uns die Maler ihren Glauben, mit dem Relief tun es die Steinmetze und mit der Uhr der Uhrmacher.“ Der Besucher sah den Abt verwirrt an, sagte jedoch nichts und so fuhr der Ordensmann fort: „Tief in sich trägt die Uhr eine Feder, sie gibt dem Werk die Energie. Ohne die Feder ist das Werk nichts, denn es würde ihm die Kraft fehlen die Zeiger zu bewegen. Doch auch die Feder ist nichts ohne das Werk, denn sie würde ihre gesamte Kraft in einem einzigen Ausbruch vergeuden und nicht in einer langsamen aber nützlichen Bewegung. Die Feder ist der Glauben, die Kraft die wir jeden Tag nutzen und ohne die wir nicht leben können. Das Werk ist das tägliche Arbeiten. Die Kraft des Glaubens ermöglicht den täglichen guten Dienst.“ Der Kunstfreund schien das Gleichnis zu verstehen, bemerkte aber dennoch: „Aber nach einer gewissen Zeit ist die Feder abgelaufen und die Uhr muss wieder aufgezogen werden.“ Der Abt lächelte als er antwortete: „Ja, so ist es. Die Feder unseres Glaubens immer wieder neu zu spannen, das ist die Aufgabe der Liebe Gottes. Jener Energie, die das gesamte Weltall erfüllt und der Schöpfung Atem gibt. Um die Uhr aufzuziehen benötigt man den Schlüssel. Dieser Schlüssel ist das Gebet aus dem die Kraft des Glaubens erwächst.“

Einige Zeit später war der Kunstfreund auf dem Weg nach Hause. Er fühlte sich seltsam leicht und fröhlich. Ihm war zum Kloster hinaus gewandert um einen Schatz zu betrachten, doch hatte er einen Schatz erhalten den er mit sich nehmen durfte.


Text: Markus Zinnecker, 2017

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