Montag, 1. Mai 2017

der seltsame Mann



Bei mir in der Straße wohnt seit einiger Zeit ein seltsamer Mann. Er ist schon etwas älter und trägt immer einen grauen Wollpullover. Seine Haut ist dunkelbraun und die grauen Haare bilden dazu einen harten Kontrast. Es hat den Anschein, als wäre sein Gesicht aus Stein gehauen, denn er lächelt niemals. Man könnte glauben, er habe nur diesen einen Gesichtsausdruck, eine seltsame Mischung aus Gleichgültigkeit und Leere.

Wenn die Kinder, die immer auf dem Parkplatz Fußball spielen, ihn sehen rennen sie davon. Das tun sie sonst nur, wenn der Hausmeister kommt. Denn dieser legt Wert darauf, dass die Hausordnung eingehalten wird. Spielen auf dem Parkplatz ist nämlich verboten. Der Hausmeister schimpft darum wenn er die Kinder erwischt. Den seltsamen Mann habe ich noch nie schimpfen sehen, überhaupt scheint er nicht sprechen zu können, denn er sagt nie etwas. Vermutlich ist er stumm und das macht den Kindern Angst.

Eine der Frauen die hier im Haus wohnen hat mir vor einigen Tagen gesagt, dass der seltsame Mann jeden Abend mit dem Bus in die Stadt fährt. Was er dort tut wusste sie nicht, aber spekuliert hat sie dennoch. Vermutlich sei er ein Einbrecher, denn manchmal verlässt er das Haus mit einem leeren Rucksack und kommt im Morgengrauen mit einem vollen zurück. Die Frau hat darum den Schlosser gerufen, sie will ein besseres Schloss an ihrer Wohnungstür.

Der Busfahrer wohnt auch hier in der Straße. Er hat mir erzählt, der seltsame Mann steige immer am Hauptbahnhof aus. Dort seien in der Nacht nur Huren und Junkies. Der Mann sei also vermutlich entweder ein Zuhälter oder ein Dealer. Der Busfahrer hat sich deshalb ein Pfefferspray gekauft, denn es gibt wohl viele seltsame Männer die abends mit dem Bus fahren.

Der Hausmeister hat mir etwas erzählt: „Man könnte es wirklich mit der Angst zu tun bekommen! Vorgestern ist mir der seltsame Mann im Park begegnet, er saß auf der Bank, auf der ich immer sitze um die Zeitung zu lesen. Als ich mich hinsetzen wollte ist er aufgestanden und weggegangen. Das tut doch nur einer, der etwas zu verbergen hat!“

Heute ist mir der seltsame Mann auf dem Gehweg vor dem Haus begegnet. Ich habe „guten Tag“ zu ihm gesagt. Er ist dann stehengeblieben und hat mich angeschaut. Nicht gleichgültig sondern verwundert. Darum habe ich ihn gefragt, ob etwas nicht in Ordnung sei. Er hat dann, in schlechtem Deutsch, gesagt, dass ihn normalerweise niemand Grüße. Wir haben uns dann etwas unterhalten. Jetzt weiß ich, dass er Ahmed heißt und aus Afghanistan kommt. Dass er in der Nachtschicht in der Großbäckerei hinter dem Bahnhof arbeitet und sich manchmal etwas Brot mit nach Hause nehmen darf.

Ahmed ist kein seltsamer Mann, er ist ein Bäcker.

Markus Zinnecker, 2017