Mittwoch, 28. Juni 2017

Moses der Wächter



Irgendwo in Afrika, in der scheinbar endlosen Savanne, lebte vor vielen Jahren ein Farmer. Er war einer jener Menschen, die das Elend des Krieges und der Armut aus ihrer alten Heimat in Europa vertrieben hatten. Hier, unter der unbarmherzigen Sonne des Äquators, hatte er sein Glück und eine neue Heimat gefunden. Insofern war er nichts Besonderes, sondern einfach nur einer von vielen. Doch anders als die meisten, die diesen Lebensweg beschritten hatten, unterdrückte er die Alteingesessenen, die so genannten Eingeborenen, des Landes nicht. Ja, viele von ihnen arbeiteten auf seiner Farm, doch taten sie es für einen gerechten Lohn und darum ehrten sie ihn als guten Menschen. Sie tun das auch heute noch, viele Jahre nachdem er diese Welt und sein geliebtes Afrika für immer verlassen hat. Einer der alten Männer, der in seiner Jugend auf der Farm gearbeitet hatte, hat mir die folgende Geschichte erzählt. 


Eines Tages, irgendwann Ende der 1930er Jahre, ritt der Farmer auf seinem Pferd durch das Buschland. Er suchte nach einer Kuh, die aus dem Gatter entkommen war. Er fand sie jedoch nicht, sondern entdeckte ein tiefes Loch, das ihm bisher noch nie aufgefallen war. Es schien als habe hier eine Laune der Natur einen unterirdischen Hohlraum entstehen lassen dessen Decke dann eingestürzt war. Dichtes Gestrüpp bedeckte den Boden rund um die natürliche Fallgrube und man konnte sie leicht übersehen. Vorsichtig spähte er über den Rand des Loches und bemerkte, dass ein toter Elefant darin lag. Offenbar war das mächtige Tier dem Rand zu nahe gekommen und abgestürzt, jetzt lag es unten und würde wohl ein Raub der Aasfresser werden. Als er wieder auf sein Pferd stieg um weiter nach dem entlaufenen Rind zu suchen, hörte er ein durchdringendes Geräusch. Es erinnerte an eine schlecht gespielte Trompete, ein schriller, durchdringender und lauter Ton. Reflexartig nahm er das Gewehr vom Sattelknopf und sah sich um. Doch es drohte keine Gefahr und er ließ die Waffe sinken. Der Urheber des Trompetentons war, wie er sofort vermutet hatte, ein zweiter Elefant. Doch es war ein kleines, wohl erst wenige Tage altes Jungtier. Verwirrt trottete der Kleine umher. Er hatte wohl noch nicht begriffen, dass seine Mutter ihn nicht mehr hören konnte. Es war dem Farmer sofort klar, dass der abgestürzte Elefant das Muttertier sein musste. Die beiden waren wohl von ihrer Herde getrennt worden, weshalb das Junge nun einsam über die Savanne irrte. Einem Impuls folgend stieg der Farmer vom Pferd und band das Tier an einen Busch. Dann nahm er das Seil, das er hinten auf dem Sattel festgeschnallt hatte, und ging langsam auf den Jungelefanten zu. Der kleine Elefant hatte noch nie einen Menschen gesehen, wusste also nichts mit dem seltsamen, zweibeinigen Wesen anzufangen, das da auf ihn zugelaufen kam. Er blieb stehen und sah den Farmer neugierig an. Ohne Scheu ließ er diesen auf wenige Schritte an sich heran, erst als er die Schlinge des Seils um seinen Hals spürte wollte er weglaufen, doch der Mann hinderte ihn daran. Mit vorsichtigem, aber nachdrücklichem Zug führte er das Elefantenbaby zu seinem Pferd. Das Seil in einer Hand führend stieg er auf und ritt zurück zur Farm, während der Elefant neben ihm her trottete.

Während der Farmer unterwegs gewesen war, war die entlaufene Kuh von selbst zurückgekommen. Zwei dunkelhäutige Männer waren gerade damit beschäftigt sie in das Gatter zu treiben, als der Farmer durch das Hoftor ritt. Eine seltsame Ruhe trat ein als die Anwesenden den Elefanten sahen. Nur die Tochter des Farmers, ein aufgewecktes, fröhliches Kind von ungefähr sieben Jahren, rannte vom Haus auf seinen Vater zu. „Oh, ein Elefantenbaby! Der ist ja toll, ist der für mich?“ Mit kindlicher Begeisterung versuchte sie das verwirrte Jungtier zu umarmen, doch der Elefant riss sich los und lief einige Schritte weit weg. Das Mädchen wäre ihm sicher gefolgt, doch sein Vater war vom Pferd gesprungen und hielt es zurück. Er rief einige kurzen Befehle zu den beiden Männern hinüber, die gerade noch die Kuh ins Gatter gebracht hatte. Sie sollten den Elefanten fangen und in ein leeres Gehege sperren, ihm dann etwas Futter und Wasser bringen. Dann wandte er sich an seine Tochter: „Judith, nein, lass den Elefanten in Ruhe. Er ist klein, aber er kann dir doch gefährlich werden. Er ist kein Haustier für dich, sondern ich will versuchen ihn an einen Zoo oder Zirkus in Europa zu verkaufen. Du weißt ja, dass hier in der Gegend immer wieder Tierfänger unterwegs sind.“ Das Kind sah seinen Vater an und nickte leise. „Aber bis dahin darf ich ihn besuchen, oder?“ Der Farmer lächelte und antworte: „Ja, aber geh nicht zu ihm ins Gatter.“ Freudig lächelnd löste sich Judith aus der Umarmung des Vaters und lief hinter den beiden Farmarbeiten her, die den Elefanten grade zu einem etwas abgelegenen Gatter führten.

Was dann in den nächsten Wochen und Monaten auf der Farm geschah war durch niemanden vorherzusehen. Es kamen keine Tierfänger mehr in die Gegend und einige Zeit später erfuhr der Farmer, dass in Europa ein neuer Krieg ausgebrochen war. Der Dämon der ihn einst aus der Heimat vertrieben hatte tobte erneut. Die Nachrichten und Besucher aus der alten Heimat blieben aus, aber ansonsten ging das Leben auf der Farm weiter seinen gewohnten Gang. Alles verlief wie seit langer Zeit gewohnt, nur der Elefant sorgte immer wieder für Aufregung. Judith hatte ihren Vater nämlich so lange mit dem Wunsch danach das Tier behalten zu dürfen bestürmt, dass der gutmütige Mann irgendwann nachgegeben hatte. Der Elefant lebte also in seinem Gatter und wurde mit Ziegenmilch, Grünfutter und anderen Dingen die einem solchen Dickhäuter schmecken immer weiter aufgepäppelt. Einer der Farmarbeiter hatte Judith einige Legenden seines Volkes erzählt. Nach den uralten Geschichten waren die Elefanten von Gott als Wächter auf der Erde bestellt. Ihre Aufgabe war es, darüber zu wachen das niemand der Schöpfung Schaden zufügte. Wer sie gut behandelte, dem waren ein langes Leben, Glück und reicher Segen versprochen, doch wehe über den, der einen dieser Wächter missachtete! Von einem ehrfurchtgebietenden Gottesboten hatte Judith schon einmal gehört: Ihr Vater hatte ihr aus der Bibel vorgelesen, von Moses, der dem Pharao trotzte und das Meer teilte. Darum taufte sie den kleinen Elefanten Moses.

Eines Tages geschah etwas Merkwürdiges. Moses, der zwischenzeitlich zu einem recht stattlichen Jungelefanten herangewachsen war, blieb mitten im Gatter stehen, hob den Rüssel, stellte die Ohren weit ab und verharrte einige Minuten in dieser Pose. Dann stieß er ein lautes, markerschütterndes Trompeten aus und rannte los. Er riss die Umzäunung nieder, trampelte quer über den Hof und durchbrach auch die äußere Einfriedung der Farm. Judith, die mit ihrer Mutter auf der Veranda gesessen hatte, stand mit weit aufgerissenen Augen da und beobachtete das Schauspiel. Einer der Farmarbeiter, der dem Elefanten ein Stück weit gefolgt war, kam hastig zurück. „Andere Elefanten, draußen in der Savanne ist eine große Herde.“ Er kniete sich neben dem Mädchen hin und sagte „Judith, dein Moses ist wieder bei seiner Familie. Du hast für ihn getan was du konntest, jetzt kann er lernen ein richtiger Elefant zu werden.“ Trotzdem liefen Tränen über die Wangen des Kindes und sie verbarg ihr Gesicht im Rock der Mutter.


Einige Jahre später, kaum jemand auf der Farm dachte noch an Moses, ereignete sich wieder etwas Seltsames. Einer der Farmarbeiter war draußen im Busch unterwegs, als er von einem Leoparden überrascht und angegriffen wurde. Der junge Mann rannte davon und kletterte auf einen nahen Baum, doch die Katze war mit wenigen Sprüngen bei ihm. Panisch klammerte sich der Unglückliche an einen Ast. In wenigen Augenblicken würde ihn das Raubtier zerreißen. Doch dann ertönte ein markerschütternder Trompetenton und aus dem Gestrüpp unter dem Baum brach ein großer Elefantenbulle hervor. Unter entsetzlichem Getöse rannte er mit seiner Stirn gegen den Baumstamm. Weder der Mann noch die Katze konnten sich auf den Ästen halten und fielen krachend zu Boden. Entsetzt starrte der Farmarbeiter den rasenden Elefanten an, doch dieser schien sich nicht für ihn zu interessieren. Stattdessen stürzte er sich auf den Leoparden, der panisch die Flucht ergriff. Für einige Sekunden kehrte Stille ein, der Elefant stand reglos da und sah dem Raubtier nach, dann wand er sich dem Mann zu der starr vor Schreck liegen blieb. Mit weit aufgerissenen, angsterfüllten Augen sah er, dass sich der Elefant ihm langsam näherte. Wenige Schritte vor ihm blieb der Riese stehen und sah auf den zitternden Menschen hinab. Dann hob er seinen Rüssel etwas und schnupperte am Körper des Mannes bevor er sich umdrehte und langsam durch das Unterholz davon stampfte.

Einige Stunden später kehrte der immer noch verwirrte Mann zur Farm zurück und erzählte was geschehen war. Seine Zuhörer sahen sich ungläubig an, nur Judith, inzwischen zu einer ansehnlichen jungen Dame herangewachsen, sagte: „War das vielleicht Moses?“ Ihr Vater lachte und erwiderte: „Schon möglich, aber ich glaube es nicht. Den haben mittlerweile sicher die Hyänen gefressen.“ Judith schüttelte den Kopf, nein, das glaubte sie nicht. Einige Tage später begegnete ihr jener Arbeiter, der ihr damals die Elefantenlegende erzählt hatte. Der Mann zwar inzwischen alt geworden und hatte sich zu seiner Familie zurückgezogen. Doch manchmal kam er noch auf der Farm vorbei um Bekannte aus seiner Zeit dort zu besuchen. Judith erzählte ihm was geschehen war und der Alte nickte leise: „Ja kleine Lady, du könntest recht haben. Die Wächter vergessen nie etwas. Moses weiß, dass er uns Menschen sein Leben verdankt. Du hast für ihn gesorgt und bist bis heute seine Freundin. Die Wächter wissen so was.“ Irgendetwas in der Stimme des alten Mannes gab der Farmerstochter die letzte Gewissheit, dass es wirklich ihr Moses gewesen war der den Arbeiter gerettet hatte.

Noch einmal zogen einigen Jahre vorbei. Der neue Krieg in Europa hatte sich ausgetobt, doch auf der Farm in Afrika war dies nicht viel mehr als eine Nachricht aus einer fernen Welt. Viel bedeutender war es da schon, dass eines Tages der alte Farmer nicht mehr erwachte. Tiefe Trauer legte sich über alle Bewohner der Farm und man begrub ihn ein Stück weit vom Haus weg in der Savanne. Dort hatte er noch zu Lebzeiten einen kleinen Friedhof angelegt. Der erste der hier begraben wurde, war ein Farmarbeiter der in den Anfangstagen der Farm bei einem Unfall starb. Dann musste der alte Farmer seinen ältesten Sohn hier begraben, dieser war von einem Löwen angefallen worden. Jetzt war auch der Farmer selbst von hier aus auf die große Reise gegangen.

In der Nacht nach der Beerdigung schreckten alle Bewohner der Farm aus dem Schlaf auf. Ein furchtbares Geräusch, wie ein entsetzlich lauter, langanhaltender Schmerzensschrei, riss sie aus ihren Träumen. Judith trat auf die Veranda vor dem Haus und wollte sich umsehen, als einer der Arbeiter auf sie zu gerannt kam: „Miss, ein Elefant ist bei den Gräbern. Er schreit.“ Judith nickte und ging langsam vom Haus aus zum kleinen Friedhof. In der hellen, mondklaren Nacht waren deutlich die Umrisse des riesigen Tieres zu sehen. Es stand, mit gesenktem Kopf und hängendem Rüssel, vor dem frischen Grab des alten Farmers und stieß jenen schaurigen Ton aus. Wieder und immer wieder. Die junge Frau näherte sich langsam dem Friedhof und blieb erst stehen, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte. Einer der Farmarbeiter war ihr gefolgt und wollte sie aufhalten, doch sie schüttelte die Hand ab und ging weiter. Als der Elefant sie bemerkte, verstummte er und drehte sich zu ihr um. Mit hängenden Ohren und langsam hin und her pendelndem Rüssel beobachtete er, wie die junge Frau im Nachthemd langsam auf ihn zuging. Judith verspürte keine Angst, sondern ein tiefes, wärmendes Gefühl der Sicherheit. Sie spürte die mächtige Präsenz des Tieres, das von einer Aura aus Würde und Erhabenheit umgeben zu sein schien und wusste, dass ihr keinerlei Gefahr drohte. Wenige Schritte vor dem Elefanten blieb sie stehen. Langsam hob dieser den Rüssel und streckte ihn ihr entgegen, Judith ihrerseits streckte beide Arme mit den aufgerichteten Handflächen nach vorne. Nach einigen Augenblicken berührte der Elefant ihre Hände mit der Rüsselspitze. Eine Berührung die wohl nur eine Sekunde dauerte, für Judith aber eine Ewigkeit zu währen schien. Sie war sich jetzt sicher, dass Moses vor ihr stand. Langsam ging Judith zurück zum Haus. Alle hatten beobachtet, was auf dem Friedhof geschehen war doch sie schwiegen darüber.

Viele Jahre später schien die Sonne wie eh und je über der Farm. Judith saß auf der Veranda, einen kleinen Jungen auf dem Schoß, dem sie aus einem Buch vorlas. Bei einer besonders lustigen Stelle der Geschichte lachte das Kind auf und zog seine Großmutter an den langen, weißen Haaren. Diese lächelte sanft und schob die Hand des Kleinen weg: „Hey, lass das Jeremy.“ Fröhlich lachend rutschte der Junge von ihrem Schoß herunter und rannte auf den Hof hinaus. Einer der Farmarbeiter winkte ihm zu und das Kind erwiderte den Gruß. Judith lächelte, sie wusste was jetzt passieren würde. Jeremy würde bis zum Tor rennen, hinaus in die Savanne schauen und dann zurückkommen. Das tat er oft, warum wusste niemand so genau, aber wer wusste schon was im Kopf eines Vierjährigen vor geht? Doch diesmal blieb das Kind bereits einige Meter vor dem Tor stehen, kehrte um und rannte zu seiner Großmutter zurück: „Oma, da kommt eine Elefant!“ Er krähte fröhlich und hüpfte um seine Großmutter herum. Doch diese nahm ihn bei der Hand und führte ihn ins Haus: „Los, lauf zu deiner Mamma.“ Jeremy sprang davon, in die kühle Düsterheit des Hauses hinein und zu seiner Mutter, die wohl in der Küche arbeitete.

Judith ging derweil auf das Tor zu. Es war ihr als würde eine große Kraft sie dorthin ziehen. Jeremy hatte recht, tatsächlich stampfte ein Elefant auf das Tor zu, mit langsamen Schritten näherte er sich dem Tor und Judith ging langsam auf ihn zu. Es war ein gewaltiger, uralter Elefantenbulle. Das lange Leben in der Savanne hatte seine Haut gebleicht. Seine riesigen Stoßzähne berührten sich an den Spitzen fast und in seinem linken Ohr fehlte ein Stück, wohl eine Erinnerung an einen zurückliegenden Kampf. Einige hundert Meter vor dem Tor blieb das mächtige Tier stehen und sah Judith an. Diese ging langsam auf den Elefanten zu, wieder von jener seltsamen Zuversicht erfüllt, die sie damals auf dem Friedhof verspürt hatte. Wieder wusste sie tief in ihrem Inneren, dass es Moses war. Ein halbes Jahrhundert war vergangen und seit jener Nacht hatte sie Moses nicht mehr gesehen, doch die Verbindung war ungebrochen. Jeden Tag hatte sie in dieser Zeit gespürt, dass er irgendwo da draußen war. Seinem Amt als Wächter der Welt im Allgemeinen und als Wächter der Farm im Besonderen, nachgehend. Jetzt war er zu ihr gekommen und instinktiv wusste sie warum. Wie bei ihrer letzten Begegnung berührten sie sich und sie spürte die machtvolle Präsenz des gewaltigen Wesens. Dann hob Moses seinen Rüssel und stellte seine Ohren weit auf. Er trompetete laut und kräftig und ging dann einige Schritte zurück. Mit gesenktem Rüssel und hängenden Ohren blieb er einen Moment stehen und legte sich dann langsam hin. Judith trat neben das reglose Tier und kniete sich neben seinem Kopf hin. Sanft berührte sie die ledrige Haut und spürte, wie das Leben langsam aus dem Wächter wich. Sie bemerkte dabei nicht, dass alle Bewohner der Farm in einem weiten Kreis um sie herum standen und still beobachteten was sie zwar sahen aber nicht verstanden.

Am nächsten Tag brachten sie den toten Elefanten zu jenem Loch, in dem der alte Farmer einst die tote Elefantenkuh gefunden hatte. Mose lag nun auch dort, nicht begraben, denn das ist bei Elefanten nicht üblich, sondern auch im Tot noch Teil des Kreislaufs des Lebens zu dem nun einmal auch Geier, Hyänen und all die anderen Totengräber der Savanne zählen. Danach erzählte Judith den Farmbewohnern die es nicht wussten die Geschichte von Moses dem Wächter, dann verstanden sie.


Markus Zinnecker, 2017

Dienstag, 6. Juni 2017

Ghostrider




Dumpf grollte der Motor unter mir. Mit ruhiger Gleichmäßigkeit schien die Maschine das Asphaltband der Straße zu verschlingen, während der Horizont von der untergehenden Sonne in tiefes Rot getaucht wurde. Es war klar, dass ich nicht mehr bei Tageslicht nach Hause kommen würde und so genoss ich die Fahrt durch die langsam kühler werdende Abendluft.

Im sanften Schwung der kurvenreichen Strecke glitt mein Bike durch das Dämmerlicht hinab ins Flusstal. Eine schmale Straße folgte hier dem Wasserlauf, links der träge dahinfließende Strom und rechts schroffe Felswände, die letzten Überlebenden einer Schlacht die der Fluss seit Urzeiten mit den steinernen Kriegern der umliegenden Hochebene ausfocht. Hier unten war es bereits völlig dunkel, nur der gleißende Lichtfinger des Scheinwerfers durchschnitt die Nacht. Der tiefe Schlag des Einzylinders wurde von den Felswänden vervielfältigt und verzerrt, ein Klang wie das ferne Grollen des Donners, der Hufschlag des eisernen Rosses unter mir.

Eisig kalter Nachtwind umweht mich auf der Fahrt durch das dunkle Tal. Ein Gefühl wohliger Einsamkeit, der totalen Stille und inneren Ruhe erfüllt mich nach einem langen Tag auf der Straße. Doch dann spüre ich, dass ich nicht länger alleine bin. Eine Präsenz, kälter als der eisige Fahrtwind und tiefer als das schwarz des nächtlichen Flusses. Ich will mich umdrehen, sehen wer so plötzlich auf dem Soziusplatz erschienen ist. Doch eine Stimme, nicht zu hören aber zu spüren, hindert mich daran: „Dreh dich nicht um. Du kannst mich ohnehin nicht sehen.“ Schweigen legt sich wieder über das Flusstal und die Kälte steigt nun in meinem Rückgrat hinauf.

„Ich bin der Geist der Straße, ich war einst wie du.“ Die körperlose Stimme ist seltsam ruhig, schwingend und sanft, aber doch voller Macht und Alter. „Ein Jäger der Freiheit, ein Sklave der Straße. Ohne Rast unterwegs, in der Ruhe unruhig und Gefangen in der Sehnsucht. Verfallen der rasenden Fahrt und sicher nur in der Gefahr.“

Es durchfährt mich wie ein Eissturm. Als tobe der Nordwind durch mein Herz. Doch die Stimme wird wärmer, voll Freundlichkeit spricht sie: „Du sollst nicht verderben, so wie es mir einst geschah. Lass nun die Bremsen sprechen und den Motor schweigen.“

Kaum waren die Worte in meinem Geist verhallt glühten die Bremsen, denn die Macht der Worte war zu stark, unmöglich ihnen nicht zu gehorchen. Eine letzte Kurve noch, kurz dahinter rollt die Maschine langsam aus. Gerade noch rechtzeitig, ein Auto steht quer auf der Straße. Einer seiner Reifen liegt zerfetzt neben der Straße.

Im Auto sitzt ein junges Mädchen. Ihr Gesicht ist weiß wie ein Bogen Papier. Der Schreck des Unglücks, das sie soeben glücklich überstand, hat ihr die Farbe geraubt. Ich spreche sie an, helfe ihr und kurze Zeit später steht ihr Wagen auf dem Ersatzrad, bereit weiter zu fahren. Doch sie hält mich am Arm und erzählt mir eine Geschichte. Von ihrem Urgroßvater, der auf dieser Straße starb. Mit seinem Motorrad, in genau dieser Kurve. Ein platzender Reifen zerriss seinen Lebensfaden.

Sie drückt mir die Hand und steigt ein. Ich bleibe stehen und sehe ihr nach, die Rücklichter vergehen langsam in der Nacht. Dann ertönt ein leises Sausen, ein trübes Schemen jagt vorbei. Ich erkenne nur flüchtig eine nebelartige Gestalt, dahinjagend auf einem Motorrad, wohl hundert Jahre alt. So lautlos wie sie erschien verschwindet sie wieder. Woher und wohin? Niemand kann es sagen.

 Text und Bild: Markus Zinnecker, 2017