Dienstag, 6. Juni 2017

Ghostrider




Dumpf grollte der Motor unter mir. Mit ruhiger Gleichmäßigkeit schien die Maschine das Asphaltband der Straße zu verschlingen, während der Horizont von der untergehenden Sonne in tiefes Rot getaucht wurde. Es war klar, dass ich nicht mehr bei Tageslicht nach Hause kommen würde und so genoss ich die Fahrt durch die langsam kühler werdende Abendluft.

Im sanften Schwung der kurvenreichen Strecke glitt mein Bike durch das Dämmerlicht hinab ins Flusstal. Eine schmale Straße folgte hier dem Wasserlauf, links der träge dahinfließende Strom und rechts schroffe Felswände, die letzten Überlebenden einer Schlacht die der Fluss seit Urzeiten mit den steinernen Kriegern der umliegenden Hochebene ausfocht. Hier unten war es bereits völlig dunkel, nur der gleißende Lichtfinger des Scheinwerfers durchschnitt die Nacht. Der tiefe Schlag des Einzylinders wurde von den Felswänden vervielfältigt und verzerrt, ein Klang wie das ferne Grollen des Donners, der Hufschlag des eisernen Rosses unter mir.

Eisig kalter Nachtwind umweht mich auf der Fahrt durch das dunkle Tal. Ein Gefühl wohliger Einsamkeit, der totalen Stille und inneren Ruhe erfüllt mich nach einem langen Tag auf der Straße. Doch dann spüre ich, dass ich nicht länger alleine bin. Eine Präsenz, kälter als der eisige Fahrtwind und tiefer als das schwarz des nächtlichen Flusses. Ich will mich umdrehen, sehen wer so plötzlich auf dem Soziusplatz erschienen ist. Doch eine Stimme, nicht zu hören aber zu spüren, hindert mich daran: „Dreh dich nicht um. Du kannst mich ohnehin nicht sehen.“ Schweigen legt sich wieder über das Flusstal und die Kälte steigt nun in meinem Rückgrat hinauf.

„Ich bin der Geist der Straße, ich war einst wie du.“ Die körperlose Stimme ist seltsam ruhig, schwingend und sanft, aber doch voller Macht und Alter. „Ein Jäger der Freiheit, ein Sklave der Straße. Ohne Rast unterwegs, in der Ruhe unruhig und Gefangen in der Sehnsucht. Verfallen der rasenden Fahrt und sicher nur in der Gefahr.“

Es durchfährt mich wie ein Eissturm. Als tobe der Nordwind durch mein Herz. Doch die Stimme wird wärmer, voll Freundlichkeit spricht sie: „Du sollst nicht verderben, so wie es mir einst geschah. Lass nun die Bremsen sprechen und den Motor schweigen.“

Kaum waren die Worte in meinem Geist verhallt glühten die Bremsen, denn die Macht der Worte war zu stark, unmöglich ihnen nicht zu gehorchen. Eine letzte Kurve noch, kurz dahinter rollt die Maschine langsam aus. Gerade noch rechtzeitig, ein Auto steht quer auf der Straße. Einer seiner Reifen liegt zerfetzt neben der Straße.

Im Auto sitzt ein junges Mädchen. Ihr Gesicht ist weiß wie ein Bogen Papier. Der Schreck des Unglücks, das sie soeben glücklich überstand, hat ihr die Farbe geraubt. Ich spreche sie an, helfe ihr und kurze Zeit später steht ihr Wagen auf dem Ersatzrad, bereit weiter zu fahren. Doch sie hält mich am Arm und erzählt mir eine Geschichte. Von ihrem Urgroßvater, der auf dieser Straße starb. Mit seinem Motorrad, in genau dieser Kurve. Ein platzender Reifen zerriss seinen Lebensfaden.

Sie drückt mir die Hand und steigt ein. Ich bleibe stehen und sehe ihr nach, die Rücklichter vergehen langsam in der Nacht. Dann ertönt ein leises Sausen, ein trübes Schemen jagt vorbei. Ich erkenne nur flüchtig eine nebelartige Gestalt, dahinjagend auf einem Motorrad, wohl hundert Jahre alt. So lautlos wie sie erschien verschwindet sie wieder. Woher und wohin? Niemand kann es sagen.

 Text und Bild: Markus Zinnecker, 2017

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen