Samstag, 19. August 2017

das Schicksal der Alten



Man sagt, der Weltraum sei lautlos. Das Vakuum des Sternenozeans habe keine Musik. Doch wer mit dem Talent des Zuhörens gesegnet ist, der kann die leisen Stimmen der Sterne hören. Wem die Götter besonders zugeneigt sind, den lassen sie dem Gesang der Kometen lauschen. Zu den Menschen, die mit jener seltenen Gabe versehen waren, gehörte Kapitän Urmanov. Er sprach nie darüber, denn kaum jemand hätte es verstanden. Dennoch, er war sich ganz sicher jede Veränderung des Gefüges aus Raum und Zeit zu spüren. Als wären die feinen Fäden aus denen das Einsteinkontinuums gewoben ist mit seiner Seele verbunden. Manchmal, wenn er auf der Brücke der Ural saß und in die Leere hinaus starrte, dann glaubte er zu fühlen, wie sich die Raumzeit unter dem Einfluss der Sprungtriebwerke verformte. Wie die Gesetze der Physik das Raumschiff aus ihrem Gefängnis entlassen mussten und es widerwillig der Freiheit des Hyperraums übergaben. Jener seltsamen, unbegreiflichen Halbwelt in der es möglich war schneller als das Licht zu den Sternen zu reisen.

So war es auch in jener Nacht, als er in seinem Quartier erwachte und nicht wusste wieso. Er wusste nur, dass irgendetwas Ungewöhnliches unmittelbar bevor stand. Er spürte eine subtile Ungleichmäßigkeit. Der alte Raumfahrer atmete tief durch, schaltete das Licht ein und wollte gerade seine Koje verlassen, als das Deck unter seinen Füßen wegzukippen schien. Das Raumschiff wurde durchgeschüttelt und die Systeme der künstlichen Schwerkraft an Bord versagten für einen winzigen Moment. Einen Sekundenbruchteil später verwandelte sich die Welt um ihn herum scheinbar in Sirup. Alle Bewegungen, einschließlich denen seiner Gedanken, erfolgten in extremer Zeitlupe. Die verwirrenden Zeitverzerrungseffekte eines unkontrollierten Absprungs aus dem Hyperraum ließen nur langsam nach, als das Schiff auf Unterlichtgeschwindigkeit abbremste und in den Normalraum zurückkehrte.

Alarmsirenen heulten als Urmanov auf der Brücke erschien. Stunden schienen seit seinem unsanften Erwachen vergangen zu sein, dabei handelte es sich jedoch nur um einen Eindruck. Tatsächlich waren kaum fünf Minuten vergangen. Gerade genug Zeit um eine Uniform anzuziehen und vom Kommandantenquartier zur Brücke zu eilen. An Bord der Ural herrschte gerade Nacht, ein Umstand der dem Biorhythmus der menschlichen Besatzungsmitglieder geschuldet war. Menschen arbeiteten einfach besser, wenn an Bord der vierundzwanzig Stunden dauernde Tag-Nacht-Zyklus der Erde simuliert wurde. Darum befanden sich nur zwei weitere Personen im Kontrollzentrum des Langsprungschiffs. Der diensthabende Steuermann und ein Funkoffizier. Urmanov nickte den beiden knapp zu und nahm an der Kommandostation Platz, erst dann stellte er eine Frage: „Was ist los? Warum der ungeplante Absprung mitten im Nirgendwo?“ Der Steuermann sah von seiner Konsole auf und drehte sich zum Kapitän um: „Das ging nicht von uns aus Herr Kapitän. Eine äußere Kraft hat uns aus dem Hyperraum herausgezogen.“ Urmanov brummte etwas Unverständliches, dann schaltete er die Bordsprechanlage ein: „Kapitän an Maschine, was ist los bei euch?“ Es dauerte einige Sekunden bis die vertraute Stimme des Ingenieurs aus dem Lautsprecher ertönte: „Gute Frage Herr Kapitän. Es scheint als seien wir in ein Energiefeld geraten, dass aus dem Normalraum in den Hyperraum hinein wirkt und unseren Antrieb neutralisiert hat. Es gibt keine Schäden, wir können weiterfliegen, aber nur mit Unterlichtgeschwindigkeit, zumindest solange bis wir aus dem Einflussbereichs des Feldes heraus sind.“ Einige Sekunden lang dachte der Kommandant nach, dann stand er auf und trat hinter den Steuermann und sah aus dem Panoramafenster der Brücke. „Wo bei allen Raumgeistern sind wir hier gelandet?“ Der Steuermann schüttelte den Kopf: „Es ist ein nicht kartographiertes Sonnensystem Kapitän. Ein Stern, Klasse vier, dazu drei Planeten. Zwei Gasriesen und ein Steinplanet.“ Urmanov seufzte: „Wenn wir schon nicht weg können, dann sehen wir uns wenigstens um. Nehmen sie Kurs auf den Steinplanet.“

Er wartete die Bestätigung des Steuermanns nicht ab, sondern ging zur Kommandostation zurück. Tief in seinem Inneren erfasste ihn eine seltsame Unruhe. In den fast einhundert Jahren, die Urmanov nun als Raumfahrer unterwegs war, hatte er gelernt auf diese inneren Stimmen zu hören. Diese Unruhe verhieß nichts Gutes.

Als die SS Ural den Gesteinsplaneten erreichte, bot sich den Menschen auf der Brücke ein schauriges Bild. Es war deutlich zu erkennen, dass diese Welt von einer unglaublichen Macht verwüstet worden war. Die Oberfläche des völlig kahlen Planeten sah aus, als habe sie ein gewaltiger Pflug zerrissen. Es gab nur graues Land und ein kleines, schmutzig braunes Meer. Irgendetwas am Zustand es Planeten wirkte künstlich, es schien, als sei diese Welt nicht immer so unwirtlich gewesen.

Zwischenzeitlich waren auch die anderen Offiziere auf der Brücke erschienen. Darunter auch Sergeant Mayers, der erste Offizier der Ural. Die stämmige Frau, mit den typischen orangen Haaren der Kolonisten von Tezlek Sieben, saß an der Sensorenkontrolle und schüttelte den Kopf. „Was wir hier sehen Kapitän, ist das Ergebnis einer unglaublich starken Nuklearexplosion in der Nähe des Planeten.“ „Soll das heißen, jemand hat das absichtlich gemacht?“ Urmanov wirkte entsetzt. „Ja, es dürfte eine absichtliche Vernichtung gewesen sein. Der Reststrahlung nach zu urteilen geschah es vor ungefähr zweihunderttausend Jahren.“ Sie wollte noch etwas hinzufügen, doch die Stimme des Steuermanns unterbrach sie: „Herr Kapitän, es kommt ein Raumschiff über den Planetenhorizont!“ Mayers bestätigte: „Ein kleines Schiff, unbekannter Typ.“ Das kleine Raumfahrzeug näherte sich dem riesigen Langsprungschiff mit hoher Geschwindigkeit und kam bald in Sichtweite. Das Design des fremden Raumers erinnerte Urmanov an alte Kampfflugzeuge, die er einmal im Museum auf der Erde gesehen hatte.

Einige Minuten vergingen schweigend, nur die allgegenwärtigen Stimmen der Maschinen erfüllten die Atmosphäre im Kontrollraum der Ural mit ihrem leisen Flüstern. Fast unnatürlich laut wirkte das Signal der Funkstation, das auf einen eingehenden Funkspruch hinwies. Ohne auf eine entsprechende Anweisung des Kommandanten zu warten, schaltete der Funker auf Empfang. Aus den Brückenlautsprechern erklang eine fremdartige, schabende Stimme. Es klang, als würden zwei große Steine aneinander gerieben. Urmanov sah den Funker an und dieser antwortete auf die unausgesprochene Frage: „Eine uns völlig unbekannte Sprache Herr Kapitän, ich kann nur sagen, dass wir eine automatische Aufzeichnung hören. Die Quelle ist das kleine Raumschiff.“ Urmanov sah aus dem Fenster zu dem fremden Raumer hinüber. Welche Geheimnisse befanden sich wohl an Bord des kleinen Schiffs? „Funker, rufen sie das fremde Schiff!“ Der Mann an der Funkstation nickte dem Kapitän zu und dieser sprach langsam und mit bewusst deutlicher Betonung: „Fremdes Schiff, hier spricht Kapitän Urmanov von der SS Ural, einem Schiff der Terranischen Union. Wir können ihre Botschaft nicht übersetzen, ich hoffe, dass ihre Übersetzungstechnik der unseren überlegen ist. Bitte antworten sie.“ Stille erfüllte die Brücke und Urmanov sah weiterhin aus dem Fenster zum anderen Schiff hinüber. Dann piepte wieder die Funkstation und wieder erklang eine fremde Stimme, doch diesmal in deutlich verständlichen Worten: „SS Ural, unsere Übersetzungsmatrix konnte ihre Botschaft entschlüsseln. Wir haben jetzt Sprachkompatibilität erreicht. Ich wiederhole meine ursprüngliche Botschaft: Halten sie sich vom Planeten fern, er ist ein heiliger Ort, eine geweihte Stätte unserer Vorfahren. Wir haben ihren Austritt aus dem Hyperraum beobachtet und wissen, dass ihre Sprungtriebwerke versagt haben. Setzen sie Kurs auf den vierten Mond des äußeren Gasriesen, dort wird man ihnen helfen.“ Urmanov nickte dem Navigator zu, der ihn fragend angesehen hatte und eine kurze Zeit später verließ der riesige Frachter die Umlaufbahn um den Planeten.

Einige Stunden später ging die Ural erneut in eine Umlaufbahn, diesmal um den vierten Mond des äußeren Gasriesen. Mayers beugte sich konzentriert über die Anzeigen der Sensorenstation und schüttelte den Kopf: „Kapitän, hier ist niemand der uns helfen könnte. Auf dem Mond gibt es keinerlei Anzeichen von Leben. Das Ding hat nicht einmal eine Atmosphäre, es ist eigentlich nur ein Schneeball aus gefrorenem Methan.“ Sie wollte noch etwas hinzufügen, als wieder die Stimme des Steuermanns zu hören war: „Herr Kapitän, wir bekommen wieder Besuch.“ Erneut tauchte ein kleines Raumfahrzeug auf. Es handelte sich um eine etwas größere Version des Schiffes, dass sie über dem Steinplaneten abgefangen hatte. Erneut signalisierte die Funkanlage einen eingehenden Ruf. Der Funker meldete: „Wir werden gerufen, diesmal sind es Bild und Ton Herr Kapitän.“ Urmanov nickte und wand sich dem Kommunikationsbildschirm zu. Auf diesem erschien das Gesicht einer fremdartigen Kreatur, eines Wesens, das entfernt an eine irdische Qualle erinnerte. Es schien durchsichtig zu sein und von innen zu leuchten. Augen oder andere Merkmale waren nicht zu erkennen. Urmanov war einen Moment lang zutiefst verwirrt, erinnerte sich dann jedoch daran, dass er für den Alien kaum weniger Fremdartig wirken dürfte. „Kapitän Urmanov willkommen auf […..].“ Das Wort klang wie zwei geriebene Steine, es gab dafür wohl keine Übersetzung. Das Fremdwesen hielt kurz inne und begann dann von neuem: „Willkommen in unserer Heimat. Der Name unseres Volkes ist wohl ebenso unübersetzbar wie der unserer Heimat, darum verzichte ich darauf ihn zu nennen. Es tut mir leid, dass unser Schutzfeld, das übrigens auch dafür verantwortlich ist, dass ihre Sensoren unsere Anwesenheit hier nicht registrieren, ihren Antrieb außer Betrieb gesetzt hat. Unsere Ingenieure übertragen gerade die notwendigen Daten an sie, mit diesen Änderungen an ihren Einstellungen können sie wieder springen.“ Urmanov nickte und antwortete: „Vielen Dank, das ist eine große Hilfe. Ich hoffe, dass wir ihnen nicht zur Last gefallen sind oder uns unwissentlich ungebührlich verhalten haben, falls doch, möchte ich mich hier und jetzt dafür entschuldigen.“ Das Fremdwesen schwieg einen Moment lang bevor es erwiderte: „Freundlicherweise haben sie den toten Planeten gemieden und der Aufforderung des Wächters sofort Folge geleistet. Darum kam es zu keinerlei Störungen. Sie sind ohnehin die ersten Besucher aus den Außenwelten seit sehr langer Zeit. Es wäre besser wenn das so bliebe.“ Urmanov sah sich auf der Brücke um und bemerkte, dass alle anderen Offiziere das Gespräch aufmerksam verfolgten. Erstkontaktsituationen mit Alienvölkern waren ausgesprochen selten, insbesondere für Frachtercrews. Der Kapitän sprach weiter: „Sie werden verstehen, dass ich über den Vorfall meinen Vorgesetzten berichten muss, aber ich werde darauf hinweisen, dass die Sache ein Geheimnis bleiben soll. Auf ihren eigenen Wunsch. Es wäre aber gut, wenn ich hinzufügen könnte, warum dies so ist.“ Wieder schwieg der Alien für einen Moment, dann antwortete er: „Ja, das wäre es sicher. Ich öffne ihnen das Tor zur Antwort auf diese Frage einen winzigen Spalt.“ Im Anschluss an diese Worte veränderte sich die Farbe des Fremden, hin zu einem tiefen Orange das von innen zu glühen schien. Urmanov, der bisher in entspannter Haltung gesessen hatte, richtete sich auf und versteifte sich. Seine Augen verloren jeden Glanz und sein Blick ging starr ins Leere. Mayers sprang auf und berührte den Kommandanten an der Schulter, doch dieser reagierte nicht. Dann sah sie zum Kombildschirm und bemerkte, dass der Fremde offenbar ebenso starr und unbeweglich geworden war.

Sergej Urmanov konnte nicht mehr atmen. Es fühlte sich an, als drücke ein unermessliches Gewicht auf seine Brust. Er geriet in Panik, wollte schreien und um sich schlagen, doch sein Körper gehorchte ihm nicht. Dann hörte er eine Stimme, nein, er hörte sie nicht, sie füllte seinen Geist. Die Stimme nahm sein gesamtes Bewusstsein ein, er konnte sie nicht nur hören, sondern auch fühlen, riechen und schmecken. Die Stimme fühlte sich weich an, wie das Fell eines kleinen Nagetiers. Sie roch lieblich, wie alle Blumen der Erde zusammen und sie bedeckte das gesamte Spektrum des Geschmacks. Langsam entspannte sich der Geist des Kapitäns, während sein Körper steif und gelähmt blieb. Die Stimme, die bisher nur ein fernes Murmeln gewesen war, wurde nun immer klarer und deutlicher, bis hin zu verständlichen Worten. „Verzeihen sie mir, aber nur so kann ich ihnen das Portal zu meinem Volk öffnen.“ Urmanov erkannte jetzt die Stimme des Alien und langsam kehrte sein Sehvermögen zurück. Noch waren es undeutliche Schwaden, wie von dichtem Rauch in einem düsteren Raum, doch immer klarer wurden die Formen. Zunächst traten die Konturen des Fremdwesens aus dem Nebel hervor. Jetzt erkannte er, dass das quallenartige Wesen frei im Raum schwebte, sich scheinbar mühelos in alle Richtungen bewegte. Wieder erklang im Geist des Kapitäns die Stimme des Alien: „Unsere Ahnen waren große Denker, Forscher und Erfinder. Von primitiven Anfängen auf der Welt, die sie als toten Planeten kennen, entwickelten sie sich in schier unglaublicher Zeit zu mächtigen Raumfahrern. Sie besuchten die anderen Planeten der Galaxie und erkannten, dass viele von ihnen die Saat des Lebens trugen, doch das es für diese noch nicht an der Zeit war aufzugehen. Da sie das Leben für heilig erachteten zogen sie sich auf ihren Planeten zurück um zu warten bis diese Zeit gekommen war. Doch sie waren nicht untätig, sondern erschufen immer mächtigere Maschinen. Computer und Roboter, künstliche Intelligenzen und zu Letzt auch künstliches Leben. Maschinenwesen die sanfte Diener sein sollten, aber zu grausamen Unterdrückern wurden. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte mussten meine Ahnen kämpfen um zu überleben. Es gelang ihnen nicht die Maschinenkreaturen zu besiegen, sondern nur sie auf dem Planeten, der einst auch ihre Heimat gewesen war, einzusperren. Sie selbst zogen sich auf die Monde des äußeren Gasriesen zurück.“

Die Rauchschwaden hatten sich verzogen und Urmanov sah jetzt klare Bilder. Die monochromatische Eiswüste des Mondes, eine bizarre Landschaft aus gefrorenem Gas. Einen tiefschwarzen Himmel, von dem der riesige Gasplanet drohend herabstarrte. Außerdem das klägliche Häuflein der Überlebenden. Wenige Personen und einige schrottreife Raumschiffe, die kaum den Flug hierher geschafft hatten. Er spürte die Schmerzen und das Leid dieser fremdartigen Wesen. Sein Blick wanderte umher und blieb an seinem Führer in diese merkwürdige Welt hängen. Dieser schien näher zu kommen und das Bild veränderte sich. Der Kapitän hatte das Gefühl frei im Weltraum zu schweben. Deutlich spürte er das seltsame Gefühl schwerelos zu sein, doch er trug keinen Raumanzug, nur seine Uniform. Dann bemerkte er den Alien neben und den Planet unter sich. Eine brennende Welt, auf der bizarre Maschinewesen miteinander kämpften. Verloren in einem Krieg, der zum Selbstzweck geworden war. Seelenlose Krieger, deren Leben der Kampf und deren Bestimmung die Vernichtung zu sein schien. Wieder hörte er die Worte des Fremden: „Dies ist alles was von der einst wunderschönen Heimat meines Volkes übrig war als sie diesen Planeten verließen.“ Trauer schwang in den Worten des Fremden mit. Diese wurde noch deutlicher, als er fortfuhr: „Auf dem Mond berieten die Ahnen was sie tun sollten, wie sie aus der Ferne einwirken konnten um den Kampf unter den Maschinenwesen zu beenden. Doch dann vernichteten diese sich selbst und rissen die Heimatwelt der Ahnen mit in den Abgrund.“ Urmanov sah wie ein greller Lichtblitz den Planeten verdeckte. Heller als jede Sonne, gleißend und völlig lautlos, raste die Welle der nuklearen Vernichtung rund um die Welt der Fremden. Innerhalb von Sekunden war der Krieg der Maschinenwesen beendet, doch zu welchem Preis? Urmanov fühlte, wie die Schwerelosigkeit verschwand, wie ihn die geringe Gravitation des Mondes wieder erfasste und, als sich seine Augen vom Lichtblitz der Vernichtungswoge erholt hatten, sah er den Fremden an. Mit leiserer, immer noch von Trauer durchsetzter Stimme erzählte dieser weiter: „Der Kampf war vorbei, weil es keine Kämpfer mehr gab. Doch auch der Planet war gestorben. Tot und mit Strahlung verseucht bis in eine ferne Zukunft. Die Ahnen ließen sich auf dem Mond nieder, verbargen sich hinter den Schirmfeldern vor dem Rest des Universums und hüteten dieses Geheimnis, bis heute.

Zuckungen durchfuhren den Körper des Kommandanten. Sorgenvoll sah Mayers zur Tür der Brücke, sie wartete auf den Schiffsarzt. Schon seit fast zwei Minuten saß Urmanov jetzt starr an der Kommandostation. Jetzt zuckte sein Körper mehrmals und er wurde wieder beweglich. Mit einem leichten Kopfschütteln schien er zu erwachen und sich sein Blick klärte sich. In dem Moment, in dem der Arzt das Kommandozentrum betrat sagte der Kapitän: „Ich danke ihnen für diesen Einblick. Ich weiß nicht wie sie dies getan haben, aber es war sehr eindrucksvoll.“ Der Fremde auf dem Bildschirm erwiderte nichts, aber Urmanov verstand ihn auch so. Dann wurde der Bildschirm schwarz und der Schiffsarzt begann den Kommandanten zu untersuchen. 

Einige Stunden später saßen Urmanov und Mayers in der Offiziersmesse der Ural. Der Kapitän starrte seit fast zehn Minuten die Tasse mit dem langsam kalt werdenden Kaffee an. Den fragenden, geduldigen Blick der Frau die ihm gegenüber saß schien er nicht zu bemerken. Doch dann begann er leise zu sprechen, starrte dabei aber immer noch auf die Tasse: „Ich weiß nicht wie das möglich ist, aber der Fremde hat Bilder und Erinnerungen auf mich übertragen, mich auf eine Reise in die Vergangenheit seines Volkes mitgenommen. Wo ist er jetzt?“ Mayers schüttelte den Kopf als sie antwortete: „Das wissen wir nicht. Nach dem Funkkontakt hat er abgedreht und ist davon geflogen. Er verschwand dann von unseren Sensoren, offenbar benutzt sein Volk eine Technologie die Sensoren unterdrücken kann.“ Urmanov nickte: „Auf dem Mond gibt es eine Kolonie von Überlebenden. Der zerstörte Planet war einmal die Heimat dieser Leute. Sie flohen vor einem Krieg, den von ihnen geschaffene Maschinenwesen führten und der letztlich auch zur Vernichtung des Planeten führte. Aus irgendeinem Grund hielt es ein Angehöriger dieses Volkes für richtig sich uns zu zeigen und mir die Geschichte seines Volkes zu offenbaren. Jetzt wollen sie offenbar wieder ihre Ruhe, ich denke wir sollten das respektieren.“ Wieder kehrte minutenlanges Schweigen ein und Mayers dachte über die Worte des Kapitäns nach. Dann stand sie leise auf und trat an das große Aussichtsfenster der Messe. Sie sah hinaus ins All auf den eisigen Mond, der sich im hellen Licht des Zentralsterns langsam drehte. „Was hat ihnen der Fremde offenbart Kapitän?“ Ihre Stimme zitterte leicht, als habe sie Angst vor der Antwort. Urmanov seufzte und trat neben sie. Mit leiser Stimme antwortete er: „Es war eine Geschichte die uns Menschen nur allzu bekannt ist. Eine Geschichte davon, wie leicht wir von jenem Feuer das unser Diener sein soll verbrannt werden können. Es war die Geschichte jener Selbstvernichtung, der auch wir nur allzu oft nur knapp entkommen sind. Jemand sollte diese Geschichte endlich einmal aufschreiben und hoffen, dass sie sich in Zukunft nicht mehr wiederholt.“
Schweigend standen die beiden Raumfahrer noch einige Zeit am Fenster und sahen auf den Mond mit der verbogenen Kolonie hinab. Dann veränderte sich das Bild, die Ural drehte bei und das Fenster war für einen Moment auf den Gasriesen gerichtet, dessen farbige Wirbel in starkem Kontrast zum gleißenden Weiß des Eismondes standen. Sekunden später löste sich das Bild in der unendlichen Schwärze des Hyperraums auf, die Ural war wieder unterwegs.